Terrorangst könnte den Aktienanteil der Anleger senken
Die Börsen reagieren noch immer nervös

Ein Jahr ist für die Finanzmärkte eigentlich eine halbe Ewigkeit. Schon nach einer Woche fragt in aller Regel kaum noch jemand nach Vergangenem, weil neue Ereignisse aus Politik und Konjunktur schnell vergesslich machen. Doch den Schock des 11. September haben die Finanzmärkte noch immer nicht verdaut.

HB NEW YORK/DÜSSELDORF. Der Ölpreis notiert auf hohem Niveau, Händler sprechen von einem fünf bis sieben Dollar hohen Risikoaufschlag pro Barrel. Und der schwächere Greenback wird mit Befürchtungen erklärt, wonach islamische Anleger sich von ihren milliardenschweren Dollaranlagen verabschieden. Der Grund: Angehörige der Terroropfer klagen gegen islamische Einrichtungen wegen möglicher Unterstützung von Terroristen.

An den gebeutelten Aktienmärkten rücken mit der Irak- und Nahost-Krise, den Bilanzfälschungen, den Gewinneinbrüchen der Unternehmen und den Zahlungsschwierigkeiten südamerikanischer Länder zwar ständig neue Themen auf die Agenda. Aber auch hier beeinflussen die Terroranschläge langfristig die Risikoneigung und damit das Anlageverhalten, erklären Händler, Analysten und Volkswirte übereinstimmend. "Wir befanden uns vor dem 11. September kurz vor einer Erholung, der Terroranschlag machte das zunichte", sagt Marktstratege John Manley von der Investmentbank Salomon Smith Barney. Der psychologische Effekt wirke bis heute nach: "Die Anleger wissen weniger als je zuvor, was alles noch passieren könnte."

Manleys Einschätzung basiert auf Kundengesprächen - vor allem aber auf seinem eigenen Gefühl. "Ich sah das zweite Flugzeug in den Turm fliegen. Bis heute vermisse ich die beiden Türme, wenn ich zur Arbeit fahre. Die Wall Street wird nie mehr das sein, was sie mal war." Manley und sein Team mussten nach dem 11. September sämtliche Marktberichte neu schreiben, mehr Anfragen als sonst bearbeiten - und kamen gleichzeitig nicht mehr an ihre Computerdaten heran. Wie andere Banken musste auch Salomon Smith Barney in einem Ersatzbüro in New Jersey arbeiten. Dass die Märkte erst am 21. September ihren Jahrestiefststand 2001 erreichten, habe patriotische Gründe, meint Manley.

"Der größte Schock für die Märkte war das Unbekannte, die Tatsache, dass so etwas überhaupt passieren konnte", sagt Marktstratege Peter Cardillo vom Brokerhaus Global Partners Securities. Das habe vor allem die Psychologie der Anleger nachhaltig getroffen. "Es gab einen Schlag nach dem anderen: Erst platzte die Spekulationsblase, dann folgte der 11. September, danach die Rezession und schließlich die Bilanzskandale. An der Wall Street zu arbeiten macht keinen richtigen Spaß mehr."

Cardillo musste als Mitgründer über viele Monate kommissarisch die Geschäfte der Firma übernehmen. Sein Partner war in den Flammen umgekommen, als er den Fahrstuhl seines Firmengebäudes gegenüber dem World Trade Center betrat und brennende Trümmer das Haus entzündeten. "Wir haben nur gearbeitet, weil es unsere Pflicht war. Eigentlich war uns nicht nach Arbeit zu Mute."

Die Sorge, der 11. September könne sich jederzeit wiederholen, drückt sich in einer höheren Risikoprämie für Aktien aus, meint Kai Franke von der BHF-Bank. Er vermutet, dass deshalb der Aktienanteil vieler Anleger dauerhaft etwas niedriger sein wird als vor den Terroranschlägen: "Jeder ist nachdenklicher geworden. Niemand setzt mehr alles auf eine Karte. Genauso laufen die Diskussionen bei Fondsgesellschaften, Banken und Kunden."

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