Terroranschläge haben vor allem Mittelstand kalt erwischt
"Fähig zum Krisenmanagement" ist das Gebot der Stunde

"Es wird schon gutgehen", war die Devise vieler Unternehmen wenn es um Sicherheitsfragen geht. Bis New York.

Ein bisschen Ruhe hätte sich Heinz Hülser wahrlich verdient - nach einem Berufsleben voller Action. Der heute 64-Jährige war lange Jahre Mitarbeiter beim Verfassungsschutz; hat Guillaume, Mogadischu und den heißen Terroristen-Herbst in vorderster Front miterlebt. Während des kalten Krieges drehte er im Auftrag der Behörde Schulungsvideos. Seine Darsteller musste er dafür häufig sogar aus dem Gefängnis holen: echte Ex-Agenten.

Der neue Job sollte dagegen etwas ruhiger werden: Am 1. Juni übernahm Heinz Hülser die Geschäftsführung bei der Arbeitsgemeinschaft für Sicherheit in der Wirtschaft (ASW) in Bonn. Die ASW ist ein eingetragener Verein, der Unternehmen in Sachen Sicherheit berät. Normalerweise ein ruhiges Geschäft - auch äußerlich: Ein Büro in der beschaulichen Ex-Hauptstadt, gegenüber dem ehemaligen Kanzleramt.

Doch die Ruhe sollte nicht lange währen. Genau bis zum 11. September. Dann kam der Terror-GAU, der Firmen in aller Welt in Schrecken versetzte.

Terroranschläge haben vor allem Mittelstand kalt erwischt

Plötzlich begann Heinz Hülsers Telefon zu klingeln. Pausenlos. Unternehmer waren in der Leitung: Sie suchten Krisenmanager, brauchten Evakuierungspläne oder einfach nur jemanden, der ihnen die Angst nimmt. Das macht Hülser übrigens ziemlich gut: "Es gibt keine Hysterie, nur erhöhte Aufmerksamkeit", beschwichtigt der Ex-Verfassungsschützer.

Doch Tatsache ist: Besonders den Mittelstand haben die Terroranschläge kalt erwischt. Vor allem, wer Produktionsanlagen oder Verkaufsniederlassungen im Nahen Osten hat, wurde über Nacht zum potenziellen Angriffsziel. Wie aber sollen Unternehmen reagieren, die ein Standbein in Kasachstan, Tadschikistan, Iran oder Pakistan haben? Und wie groß ist die Bedrohung überhaupt?

Größer als viele Mittelständler bisher dachten. Das beliebte Beruhigungsargument zieht nicht mehr: Wir sind doch viel zu klein. Denn paradoxer Weise bieten gerade die Kleinen große Angriffsflächen: "Gerade Mittelständler sind oft bereit, für einen Auftrag größere Risiken einzugehen", sagt Bernd Bühner, deutscher Geschäftsführer von Control Risks Berlin, einer internationalen Beratung für Krisenmanagement: "Manager treten Geschäftsreisen an, ohne dass sie den aktuellen Stand der Sicherheitslage im Zielland kennen."

Eine Folge ist beispielsweise, dass der Firmeninhaber ohne Bodyguard in einem ungeeigneten Auto in einem gefährlichen Land umherreist. Eine Sorglosigkeit, die Terroristen besonders jetzt ausnutzen werden.

Nicht nur US-Unternehmen sind gefährdet

Sicherheitsillusion Nummer zwei: Wir sind doch kein amerikanisches Unternehmen. "Alle Verbündeten der USA, auch Unternehmen, können jetzt zum Ersatzopfer werden", sagt Bernd Seidel, ehemaliger Leiter der Kripo Frankfurt und jetzt Berater bei Kroll Associates, einem Risiko- und Krisenspezialisten.

Für viele Mittelständler ist jetzt also der Moment gekommen, in Sachen Sicherheit nachzulegen. Aber wie? Die meisten haben schließlich keine eigene Sicherheitsabteilung. "Lassen Sie sich beraten", meint Heinz Hülser vom ASW seinen Anrufern. Und diese Beratung müsse beginnen, bevor Mitarbeiter in Krisenregionen entsandt werden.

Beratungsunternehmen wie Kroll, Control Risks und TRM haben sich auf Schulungen spezialisiert, bei denen Angestellte systematisch auf einen Auslandseinsatz in Krisengebieten vorbereitet werden. Jörg Trauboth, Geschäftsführer von TRM, Sankt Augustin, nennt wichtige Voraussetzungen: "Mitarbeiter müssen physisch und psychisch fit sein, Landessprache und Kultur kennen." Außerdem sollten die künftigen Auslandskräfte offen und ehrlich über die Risiken des Jobs aufgeklärt werden.

Steht eine Entsendung in besonders unsichere Gebiete an, ist auch ein Sicherheitstraining sinnvoll. Auf TRM-Seminaren etwa lernen die zukünftigen Auslandskräfte auf kritische Situationen zu reagieren: Was tun, wenn man von einem Auto verfolgt wird? Wie reagieren, wenn eine Baustelle überraschend zum Anhalten zwingt? Wie verhält man sich bei einem Kidnapping oder bei Messerattacken?

Nur nicht auffallen

Natürlich muss es nicht immer eine derart martialische Vorbereitung sein. Oft reichen schon einfache Maßnahmen, um Übergriffe zu vermeiden. Bernd Seidel von Kroll rät: "Knüpfen Sie Kontakt mit einheimischen Unternehmern; lassen Sie die ihr Hotelzimmer aussuchen, nutzen sie deren Fuhrpark." Möglichst wenig auffallen und unvorhersehbar bleiben, lautet das oberste Gebot für Unternehmer im Ausland: Wie Einheimische kleiden und verhalten, nicht jeden Tag den gleichen Weg zur Arbeit fahren, möglichst wenig im Stau stehen, um Überfälle im Auto zu vermeiden.

Nächstes potenzielles Terrorziel sind die Wohnungen der Manager: "Auch wenn die alleinstehende Villa am Hang noch so verlockend ist: Entscheiden Sie sich lieber für die bewachte Ausländer-Siedlung mit rund-um- die-Uhr Wachdienst", empfiehlt Ex- Kripo-Mann Seidel.

Das gleiche gilt natürlich für Büros und Fabriken: Sicherheitsmaßnahmen nach dem neuesten Stand der Technik sind Pflicht: Alarmanlagen, Bewegungsmelder, unter Umständen auch bewaffneter Werkschutz. Seidel rät außerdem: "Suchen Sie sich einen Ausweichsstandort für Ihre Büros, etwa in einer ruhigen Vorstadt" - für den Fall, dass in der unübersichtlichen Innenstadt Unruhen ausbrechen.

Notfallpläne regelmäßig überprüfen

Soweit die präventiven Maßnahmen. Doch die echte Feuerprobe ist natürlich der Krisenfall. Und genau dann hakt es häufig: Plötzlich sind Krisen- und Evakuierungspläne unauffindbar, jemand hat vergessen, die Prämien für die Versicherung zu zahlen und der zuständige Krisenmanager arbeitet längst woanders - oder hat einfach nur eine neue Durchwahl. Alles schon passiert. Deshalb sollten Unternehmen ihre Notfallpläne regelmäßig überprüfen und aktualisieren.

Jörg Trauboth nennt weitere wichtige Maßnahmen: "Erstellen Sie detaillierte Evakuierungspläne für Luft-, Wasser- und Landweg. In die letzte Lufthansa-Maschine wollen immer alle. Statten Sie Ihre Mitarbeiter in der Krisenregion mit Satellitentelefonen aus - sonst erfahren die nichts von der Evakuierung!"

Das klingt alles sehr ernst, was die Herren Krisenberater da an die Wand malen. Muss es aus ihrer Sicht auch, denn für Kroll, Control Risks, TRM und Co. sind diese Szenarien extrem verkaufsfördernd. Doch Unternehmen, die beim Thema Sicherheit nachlegen wollen, müssen nicht direkt Millionen in eine Beratung investieren. Oft ist schon ein Gespräch mit der Staatsschutzabteilung des zuständigen Landeskriminalamts hilfreich. Auch die Industrie- und Handelskammern bieten Seminare zum Thema Sicherheit an.

Bei Verbindungen zu professionellen Krisenberatern hilft die ASW, nicht nur bei Heinz Hülser in Bonn, sondern bundesweit. Der Verfassungsschutz-Veteran ist ohnehin der Meinung, dass vor einer teuren Krisenberatung zunächst ein neues Bewusstsein in den Unternehmen einziehen müsse: "Die Unternehmen müssen sich von der Soldateneinstellung ?Es wird nur die anderen treffen? verabschieden", sagt Hülser. Und dann klingelt wieder sein Telefon: Der nächste besorgte Unternehmer.

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