Terroranschläge in den USA
Kommentar: Blutiger Dienstag

Amerika ist geschockt. Die sorgfältig koordinierten Terrorattacken gegen Symbole amerikanischer Macht haben drastisch vor Augen geführt, dass die USA trotz des Schutzgürtels von zwei großen Ozeanen Vergeltungsmaßnahmen auf Grund ihrer Politik in Übersee fürchten müssen. Es ist der endgültige Beweis, dass die USA ihre Verwicklung in internationale Konflikte nicht mehr vollständig kontrollieren können; sie sind nicht mehr immun gegenüber den Reaktionen aufgehetzter Gegner.

Das amerikanische Militär und die Geheimdienste haben sich seit Jahren auf so genannte Worst-Case-Szenarien vorbereitet: Kofferbomben, die mit nuklearen Sprengköpfen aus dem Arsenal der ehemaligen Sowjetunion bestückt sind oder biologische Angriffe auf die Wasserversorgung oder die Nahrungsmittelkette. Die amerikanischen Behörden mussten jedoch sehr schnell erkennen, dass keine konventionelle Militärmacht der Welt eine kleine Gruppe von Fanatikern daran hindern kann, sich ins Land einzuschleichen und Terrorattacken zu verüben.

Zwar haben nur wenige die Möglichkeit solcher Angriffe grundsätzlich bezweifelt. Dennoch bestätigen die schrecklichen Ereignisse vom Dienstag die schlimmsten Befürchtungen. Die Gefahr besteht, dass weitere Terrororganisationen die furchtbare Effektivität der Anschläge als Ermutigung auffassen, ihre Ziele gewaltsam auf amerikanischem Boden durchzusetzen. Den bislang schlimmsten Terrorangriff verübte ein amerikanischer Veteran, der ein öffentliches Gebäude in Oklahoma City in die Luft sprengte.

Aber bisher handelte es sich bei allen Terroranschlägen um Einzelaktionen. Am Dienstag war erstmals ein Staat einem breit angelegten Terrorangriff ausgesetzt, der praktisch das gesamte Land gelähmt hat. Seit dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor 1941 haben sich die Amerikaner nicht mehr so verwundbar gefühlt.

Erste Reaktion war Angst

Die erste Reaktion in den USA aber auch im Ausland war Angst. Angst, wo und wann die Terroristen das nächste Mal zuschlagen. Angst, dass an den Finanzmärkten eine Panik ausbrechen könnte. Angst, dass amerikanische Wähler angesichts der für die USA undankbaren Rolle des Weltpolizisten für eine neue Ära des Isolationismus stimmen könnten, die das amerikanische Engagement bei der internationalen Krisenbewältigung drosseln würde. Und nicht zuletzt Angst, dass Washington zu vorschnellen und überzogenen Vergeltungsmaßnahmen gegen die mutmaßlichen Verantwortlichen der Terroranschläge greifen könnte.

Der innenpolitische Druck auf George W. Bush, schnell und mit vernichtender Kraft gegen die Terroristen vorzugehen, wird enorm sein. Der Texaner wird wohl vor einer entschlossenen Militäraktion nicht zurückschrecken. Aber diese Aktion kann weder heute noch morgen erfolgen: Die verborgene Welt des Terrorismus lässt dies nicht zu. Vermutlich bedarf es vieler Wochen mühsamer Untersuchungen, bis Washington sicher sein kann, welche Gruppe für diese Eskalation des Terrors verantwortlich ist.

Aber dann, nach Konsultationen mit seinen engsten Verbündeten und Freunden, wird Amerika eine energische, aber vernünftige Antwort auf diese Herausforderung finden. Denn diese Antwort muss gegeben werden. Wie schon Helmut Schmidt angesichts des RAF-Terrors in den siebziger Jahren gezeigt hat, kann es sich kein Staat leisten, vor militanten Randgruppen zurückzuweichen, die ihre Weltordnung mit Gewalt durchsetzen wollen.

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