Terrorattentate offenbaren schwer wiegende Mängel
Härtetest für Backup-Systeme der US-Banken

Der Zusammenbruch des World Trade Centers hat gezeigt, wie verletzlich das rund um die Wall Street auf engstem Raum konzentrierte Finanzzentrum ist. Jetzt sucht jede Bank und jede Wertpapierbörse nach eigenen Lösungen, um sich vor ähnlichen Katastrophen in Zukunft besser zu schützen.

NEW YORK. Vom Dach der Bank of New York, Hausnummer 1 der Wall Street, bietet sich ein umfassender Blick auf das zerstörte World Trade Center. Das traurige Panorama liefert außerdem die Erklärung, warum es bei der altehrwürdigen Wall Street-Institution nach dem Anschlag so viel Chaos gegeben hat.

In zwei staubbedeckten Gebäuden gleich neben den noch immer rauchenden Schutthalden hatte die Bank of New York 5 300 Mitarbeiter und ihre Computerzentrale untergebracht. Die Ersatz-Zentrale, das sogenannte Backup-System, befindet sich ebenfalls im südlichen Teil Manhattans. Telefon-Leitungen und Strom fielen aus, die Bank of New York, die etwa die Hälfte des US-Handels mit Staatspapieren abwickelt, kam über Wochen mit der Durchführung des Abrechnungsverkehrs in Verzug.

In Zukunft dürften sich - um diese Erfahrung reicher - viele Institutionen geographisch zerstreuen. Wer nämlich stark auf das World Trade Center oder die direkt angrenzenden Gebiete konzentriert war, hatte die größten Schwierigkeiten. Die Investmentbank Lehman Brothers etwa, die sich mit ihrer Firmenzentrale und 5 000 Mitarbeitern im benachbarten World Financial Center befand, arbeitet bis auf weiteres aus dem Sheraton Hotel. Die Backup-Zentrale wurde eilends in den firmeneigenen Verwaltungsräumen jenseits des Hudson-Flusses in Jersey City eingerichtet. Lehman wird nicht mehr an die Südspitze zurückkehren, sondern will in die Mitte der Stadt ziehen.

Auch die Deutsche Bank musste eilends nahezu 5 000 Arbeitsplätze nach New Jersey transferieren. "Wir haben die Fähre genommen und dort die Maschinen angeworfen", sagte Vorstandschef Rolf Breuer. "Dort darf jetzt allerdings nichts mehr passieren, das wäre schlimm."

Wer wie die Deutsche Bank mit der früheren Bankers Trust direkt im World Trade Center saß, sei noch am besten vorbereitet gewesen, glaubt Banken- und Börsenberater Andre Cappon von der Consultingfirma CBM Group. Die Mieter der Zwillings-Türme hätten von dem Anschlag im Jahr 1993 gelernt.

Bei der - ein paar Blocks entfernten - New York Stock Exchange jedoch hatte keiner mit dem Ernstfall gerechnet. Die gößte Börse der Welt musste ihren Handel vier Tage lang aussetzen, weil das Haupt-Telefon-Schaltzentrum direkt neben dem World Trade Center zerstört war. Ein Backup-System hat sie nicht. "Keiner scheint sich je Gedanken gemacht zu haben, was passiert, wenn das Nyse-Gebäude in der Broad Street Nr.18 brennt", bemerkt System-Analyst Damon Kovelsky vom Technologie-Forschungsinstitut Meridien Research.

Dabei rühmt sich die Börse, ein hochmodernes Handelssystem mit einem 400 km langen Glasfasernetz zu haben. Das Telefon-System ist jedoch völlig auf die Schaltstellen der Telefongesellschaft Verizon im Finanz-Viertel angewiesen. Der Strom kommt aus einem einzigen Elektrizitätswerk. Jetzt will die Börse 150 Mill. $ in ein Ausweich-Parkett außerhalb Manhattans investieren.

Viele der vertriebenen Banken fahren ihre Handels- und Transfergeschäfte jetzt aus Lagerhallen oder freigeräumtem Büroraum außerhalb der Stadt. Die Daten laufen durch angemietete Datenzentralen. Das ist kein Dauerzustand: Neue Backup-Systeme müssen her. Die Investmentbank Morgan Stanley, die 3 700 Mitarbeiter im World Trade Center untergebracht hatte und zum zweiten Mal einen Terroranschlag überstand, baut besonders konsequent vor. Sie plant einen vollwertigen Ersatz-Handelsraum im 50-km-Umkreis Manhattans.

Andere Banken lassen sich Zeit: "So ein Backup- System kostet nur, aber es bringt keine Gewinne. Das hilft den Quartalzahlen nicht", beobachtet Kovelsky. Ein Backup-System sei zwar von der Regulierungs-Behörde SEC vorgeschrieben, doch sie habe Verstöße bisher nicht sehr konsequent verfolgt. Experte Kovelsky hält es für unwahrscheinlich, dass Terroristen jetzt auch Ersatz-Zentralen zerstören und damit einen Total-Ausfall verursachen. "Doch je länger sich die Banken auf improvisierte Lösungen verlassen, desto größer wird die Gefahr, dass irgendwo ein ganz normaler Unfall oder Gebäudebrand einen Blackout verursacht." Erst im Sommer war beispielsweise bei der Investmentbank Goldman Sachs die Klima-Anlage ausgefallen. Die Erwärmung hatte die Wasser-Sprenger aktiviert, dabei wurden die meisten PCs zerstört. Goldman Sachs musste auf die Ersatz-Zentrale im mittleren Bezirk Manhattans ausweichen.

Generell hält Kovelsky es für sicherer, wenn sich die Banken in kleinere Einheiten aufteilen und nicht alles in einem Viertel konzentriert haben. Das haben viele schon in die Wege geleitet, sie kehren nur noch mit kleineren Büros oder nie mehr in das Finanzviertel zurück. Börsen-Berater Cappon glaubt deshalb: "Die Wall Street wird nie mehr das sein, was sie einmal war."

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