Terrorbekämpfung
Kommentar: Der Irrweg

New York, Djerba, Bali. Der globale Terror hat nicht allein den USA, sondern der westlichen Gesellschaft den Krieg erklärt. Noch sind viele Fragen ungeklärt, aber offenbar haben die Terroristen jetzt Touristen als opportune Opfer ausgesucht.

Sie sind kaum geschützt überall auf der Welt anzutreffen und symbolisieren den westlichen Lebensstil mit all seinen Freiheiten. Jeden kann es treffen: erst die internationale Finanzwelt in New York, dann deutsche Touristen in Tunesien, jetzt vor allem australische Reisende und beim nächsten Mal...

Völlig richtig fordert US-Präsident George W. Bush daher erneut die Weltgemeinschaft auf, sich an die Seite Washingtons gegen die globale Bedrohung zu stellen. Doch Amerikas Antwort auf den Terror ist ein Irrweg: Der geplante Angriff auf den Irak wird die Welt nicht sicherer machen. Im Gegenteil. Er wird dem extremistischen Islamismus neue Nahrung geben und die Bekämpfung des Terrors konterkarieren.

Zugegeben, gerade die Amerikaner sind an allen Terrorfronten aktiv; sie drängen deutsche Ermittler wie indonesische Politiker, den Fundamentalisten das Wasser abzugraben. Absolute Priorität aber räumt Washington dem diplomatischen und militärischen Aufmarsch gegen den Irak ein - ohne einen harten Beleg für Bagdads Verbindungen zum islamistischen Terror und ohne Rücksicht auf Verluste. Den Preis für diese Strategie zahlen die Iraker, aber auch wir selbst. Denn der - kaum noch zu verhindernde - Irak-Krieg wird die Allianz gegen den Terror beschädigen und die Zahl der Anschläge potenzieren.

Zum einen drängt die Kriegsrhetorik die Gefahr des islamistischen Extremismus immer wieder in den Hintergrund. Dabei ist sie akuter denn je. Zwar ist unklar, ob die Täter von Bali, die Angreifer auf US-Soldaten in Kuwait oder die Urheber des Anschlags auf den französischen Tanker "Limburg" vor der Küste Jemens Verbindungen zum El-Kaida-Netz von Osama bin Laden haben. Doch sie handeln aus den gleichen Motiven. Sollte es sich bei ihnen "nur" um islamistische Trittbrettfahrer handeln, umso schlimmer: Je autonomer sie handeln, desto schwerer sind sie zu bekämpfen.

Zum anderen würde ein Irak-Krieg die Gefahr von Anschlägen massiv erhöhen. Der Hass auf die Amerikaner - und auch auf Europäer, Australier oder Japaner - würde der terroristischen Internationalen neue Anhänger und Attentäter zutreiben. Zudem würden weitere Staaten mit starken islamistischen Strömungen destabilisiert und womöglich aus der Allianz gegen den Terror gebrochen. Das gilt für Indonesien oder die Philippinen, aber nach den jüngsten Wahlerfolgen der Islamisten auch für Pakistan. Selbst in der Türkei können fundamentalistische Parteien bei der Wahl im November die Mehrheit erringen.

Dabei gäbe es eine Chance, den Extremisten ihre massenwirksamen Argumente zu nehmen - durch eine Nahost-Friendensinitiative, durch Armutsbekämpfung und durch Hilfen bei der Demokratisierung. Typisch europäisches Wunschdenken, für das Washington weder Zeit noch Verständnis hat? Wahrscheinlich ja. Aber Militärs, Polizei und Geheimdienste können den Terror nicht besiegen, wohl aber die Politik - und zwar durch eine Strategie der Kooperation statt der Konfrontation.Militärische Antworten auf diese Gefahren sind kontraproduktiv, auch Polizei oder Geheimdienste kommen gegen den Islamismus nicht an. Letztendlich liegt es an der Politik, den Extremisten das Wasser abzugraben - durch eine echte Nahost-Friendensinitiative, durch Armutsbekämpfung und Hilfen bei der Demokratisierung.Doch das fordert Zeit und Geduld - zwei Güter, die in den USA äußerst knapp sind.

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