Terrorismus
Kommentar: Mehr Druck

Die Nachrichten aus 48 Stunden: In Tschetschenien ermorden Selbstmordattentäter 41 Menschen. In Saudi-Arabien sterben Dutzende Menschen nach einer Serie von Anschlägen auf ausländische Wohn- und Bürohäuser.

Die Nachrichten aus 48 Stunden: In Tschetschenien ermorden Selbstmordattentäter 41 Menschen. In Saudi-Arabien sterben Dutzende Menschen nach einer Serie von Anschlägen auf ausländische Wohn- und Bürohäuser. In Afghanistan werden zwei Soldaten der internationalen Friedenstruppe angeschossen. In Algerien halten Gewalttäter immer noch 32 Menschen in Geiselhaft, darunter 15 Deutsche. Im Libanon sichert der iranische Staatspräsident Chatami den Führern der Terrororganisation Hisbollah weitere Unterstützung im Kampf gegen Israel zu. Und in Berlin warnt der Bundesverfassungsschutz, der islamische Extremismus entwickele sich zu einer "herausragenden Bedrohung" für die internationale Staatengemeinschaft.

Eigentlich müsste die Meldungsflut aus der islamischen Welt ausreichen, um uns in Alarmstimmung zu versetzen. Trotzdem fehlt in Deutschland im Kampf gegen den Terrorismus der "sense of urgency", den US-Präsident George W. Bush immer wieder beschwört. Jenseits aller wohlfeilen Beteuerungen und diplomatischen Floskeln existiert kein gemeinsames Bedrohungsgefühl - und schon gar keine gemeinsame Bedrohungsanalyse. Den amerikanischen "war against terror" halten die meisten Europäer für das falsche Konzept gegen den Terrorismus. Eine eigene europäische Strategie aber ist nicht erkennbar, aus Sicht vieler deutscher Regierungspolitiker wahrscheinlich auch überhaupt nicht notwendig.

Die gebetsmühlenartigen Beteuerungen nach jedem Terrorakt sprechen für sich. Meist schlägt bei solchen Gelegenheiten die Stunde des Polizeiministers, der noch größere Anstrengungen seiner subalternen Beamten gelobt. Gestern ließ sich immerhin der Kanzler selbst herab, um aus dem fernen Singapur eine "bessere Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden" zu empfehlen. Der internationale Terrorismus, ein Problem für Interpol. Packen wir?s an, heften wir?s in einer neuen Akte ab. Sehr viel mehr fällt uns nicht ein, wenn es um die weltumspannenden Netzwerke der islamistischen Mordlust geht.

Alle Fahndungsarbeit in Ehren: Wer den Kampf gegen den grenzübergreifenden Terrorismus hauptsächlich an die "Sicherheitsbehörden" delegiert, wird ihn nicht gewinnen. Notwendig ist ein außen- und sicherheitspolitisches Konzept, das systematisch den Druck auf jene Staaten erhöht, die sich immer noch als Rückzugsräume für Terrorgruppen anbieten. Nach dem Sieg der amerikanischen Armee im Irak besteht eine einmalige historische Chance, die Unterstützerstaaten zum Umdenken zu zwingen. Die Diktaturen in Nahost in Angst und Schrecken zu versetzen, wenn sie weiter Terrorgruppen unterstützen, ist politisch legitim. Mehr noch: Es ist aus jetziger Sicht der einzige realistische Weg, weitere amerikanische Kriege in der Region zu verhindern. Diese Strategie kann jedoch nur funktionieren, wenn sich die wichtigsten westlichen Demokratien einig sind - und vor politischem, wirtschaftlichem und militärischem Druck nicht zurückschrecken. Syrien, Iran und wahrscheinlich auch Saudi- Arabien werden zur Probe aufs Exempel, ob die USA und die Europäer wirklich zu einer gemeinsamen Ordnungspolitik in der Welt zurückfinden.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%