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Terrorprozess: Was wusste Motassadeq?

Der mutmaßliche Mitorganisator der Anschläge vom 11. September 2001, Said Bahaji, soll schon Anfang 2000 offen über die Flugausbildung des späteren Todespiloten Mohammed Atta in den USA gesprochen haben.

dpa HAMBURG. Der mutmaßliche Mitorganisator der Anschläge vom 11. September 2001, Said Bahaji, soll schon Anfang 2000 offen über die Flugausbildung des späteren Todespiloten Mohammed Atta in den USA gesprochen haben.

Diese überraschende Zeugenaussage machte am Dienstag im neu aufgelegten Hamburger Prozess gegen Mounir El Motassadeq ein Ex-Mitbewohner des Angeklagten. Damit stellte sich dem Oberlandesgericht die Frage, ob auch Motassadeq davon wusste. Er ist wegen Beihilfe zum Mord und Mitgliedschaft in einer Terror-Gruppe angeklagt.

Der Zeuge berichtete von einem zufälligen Treffen mit Bahaji Anfang 2000 in Hamburg. Er habe sich vermutlich dabei nach Mohammed Atta erkundigt, den er zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr in der Hansestadt gesehen hatte. Bahaji habe geantwortet: "Atta ist in den USA und macht eine Pilotenausbildung." Das habe ihn damals erstaunt, schließlich habe Atta Städtebau studiert, sagte der 32- jährige Türke. Er hatte bereits im ersten Verfahren ausgesagt, jedoch nichts von der Begegnung mit Bahaji erzählt.

Bahaji gehörte wie Motassadeq zum Freundeskreis Attas und soll die Attentäter unterstützt haben. Kurz vor den Anschlägen tauchte Bahaji unter und wird seither gesucht. Atta hatte von Juli 2000 an fünf Monate lang Unterricht an einer Flugschule in Florida genommen.

Die Bundesanwaltschaft sieht sich durch die Zeugenaussage bestätigt. Motassadeq habe bestritten, über den USA-Aufenthalt Attas informiert gewesen zu sein. Auch der Terrorverdächtige Ramzi Binalshibh hatte laut US-Verhörprotokollen angegeben, nur die Attentäter und er selbst hätten von den Pilotenausbildungen gewusst. Oberstaatsanwalt Matthias Krauß sagte: "Wenn Bahaji von der Flugausbildung wusste, stellt sich die Frage, ob nicht auch sein enger Freund Motassadeq davon wusste."

Der Zeuge betonte jedoch, Motassadeq sei im Gegensatz zu Atta kein Fanatiker gewesen. "Mounir hatte eine negative Einstellung zu den USA und Israel. Aber er empfand keinen Hass", sagte der Student der Ingenieurwissenschaften. Er schilderte den Angeklagte als sensiblen Menschen, der bei politischen Diskussionen mehrfach in Tränen ausgebrochen sei. "Er ist kein Gewalttäter." Atta hingegen, der auch in der Wohngemeinschaft zu Besuch gewesen sei, habe gegen Amerikaner und Juden gehetzt. "Bei ihm konnte man die Hassgefühle spüren", sagte der Türke. Er hatte von 1996 bis 1999 mit Motassadeq in einem Wohnheim zusammen gewohnt und bezeichnet ihn als Freund.

Das Hanseatische Oberlandesgericht hatte Motassadeq im ersten Prozess im Februar 2003 zu 15 Jahren Haft verurteilt, doch der Bundesgerichtshof hob das Urteil.

Der Marokkaner Abdelghani Mzoudi, der ebenfalls dem Umfeld der Attentäter vom 11. September 2001 zugerechnet wird, darf sein Studium in Hamburg fortsetzen. Das entschied das Oberverwaltungsgericht in einem Eilverfahren. Mzoudi stand wegen Verdachts der Beihilfe zum 3000-fachen Mord bei den Terroranschlägen in den USA vor Gericht, wurde aber freigesprochen.

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