Terrorwarnungen überschatten Nationalfeiertag
Amerika feiert Riesenparty unter Polizeischutz

Amerika feiert - trotz Terror-Warnungen. Am Donnerstag, dem Unabhängigkeitstag, finden im ganzen Land Umzüge, Feuerwerke und Partys statt. Doch das FBI ist alarmiert: Sämtliche Veranstaltungen werden per Videokamera überwacht. Ein gigantischer Sicherheitsapparat begleitet das Megafestival.

WASHINGTON. Partylöwe oder Terrorist? Der Sprecher der Washingtoner Parkpolizei, Scott Fear, hat eine einfache Faustregel: "Leute mit kurzen Hosen und T-Shirts winken wir durch. Wer einen schweren Mantel trägt, erregt natürlich Misstrauen."

Hinter dem saloppen Motto des Polizei-Mannes steckt in Wahrheit ein gigantischer Sicherheits-Apparat: Wenn am Donnerstag eine halbe Million Amerikaner auf dem berühmtesten Grünstreifen der US-Hauptstadt, der National Mall, ihren Unabhängigkeitstag feiern, bleibt nichts dem Zufall überlassen. Das Gelände zwischen Lincoln Memorial, Weißem Haus und Capitol ist mit einem doppelten Zaun abgesperrt. Rund 2000 Polizisten schleusen das Fest-Publikum durch 24 Kontrollpunkte. Kühlboxen und Taschen werden durchsucht, Verdächtige mit Metalldetektoren abgetastet. Polizisten in Zivil durchkämmen das Metrosystem der Stadt. Washington und New York werden rund um die Uhr aus der Luft überwacht.

Es ist der erste Nationalfeiertag nach dem 11. September. Wie jedes Jahr werden die Amerikaner blau-weiß-rote Fähnchen schwenken, Eiskrem essen und sich abends zum farbenprächtigen Feuerwerk treffen. Und dennoch überschattet der Terror an diesem 4. Juli die ausgelassene Partystimmung. Die Bundespolizei FBI hat die lokalen Behörden vor der Möglichkeit eines bevorstehenden Anschlags gewarnt. Zwar gebe es keine speziellen Hinweise, heißt es. Doch nach Angaben von Geheimdienst-Experten läuft die "Gerüchteküche" im Terror-Milieu derzeit so heiß wie im vergangenen Sommer.

Das FBI hat daher seine 56 Regionalbüros angewiesen, Umzüge und Festveranstaltungen per Video-Kamera zu überwachen. Das US-Außenministerium rät Amerikanern im Ausland, Groß-Kundgebungen mit Landsleuten zu meiden. "Seien Sie vorsichtig, seien Sie wachsam und amüsieren Sie sich", lautet das paradoxe Party-Motto von Außenamtssprecher Richard Boucher.

Wochenend-Ausflüge

Die Terrorgefahr scheint zumindest die Reiselust der US-Bürger nicht zu beeinträchtigen. Nach Einschätzung des Verkehrsministeriums werden 36,7 Millionen Amerikaner das verlängerte Wochenende für einen Ausflug oder eine Kurzreise nutzen, 500 000 mehr als noch im vergangenen Jahr. "Ich verstecke mich doch nicht in meinem eigenen Land", meint der 52-jährige Vietnam-Veteran Dan Ayala aus Kalifornien, der in Washington seine Tochter besucht.

Doch trotz der Festtagslaune ist bei vielen die Angst zumindest unterschwellig vorhanden. Nach einer Umfrage des Nachrichtenmagazins "Newsweek" sagen 45 % der Amerikaner, ein Anschlag auf Städte oder Sehenswürdigkeiten am 4. Juli sei wahrscheinlich. 12 % bezeichnen dies sogar als sehr wahrscheinlich.

Bedrohungs-Szenarien sind in den USA selten theoretische Gedankenspiele - nach dem 11. September schon gar nicht. Sicherheits-Maßnahmen haben allerhöchste Priorität, auch wenn sie tief in die Lebensgewohnheiten der Menschen einschneiden. So gab es am vergangenen Montag eine Terrorwarnung gegen den zweithöchsten Wolkenkratzer von Los Angeles - ein Anrufer kündigte den Einschlag eines Flugzeuges an. Die 3200 Mitarbeiter von 70 Firmen räumten das 62-stöckige Gebäude innerhalb von wenigen Stunden freiwillig.

"Wir sind leider noch verwundbar", gibt John Mica, Vorsitzender des Verkehrsausschusses im Repräsentantenhaus, zu. "Es ist unmöglich, die Hunderttausenden Privatflugzeuge zu regulieren, die täglich starten." Am vergangenen Wochenende mussten Kampfflugzeuge der Luftwaffe gleich zwei Mal aufsteigen, um zwei Privatflugzeuge abzufangen, die in den gesperrten Luftraum von Camp David eingedrungen waren. US-Präsident George W. Bush befand sich zu diesem Zeitpunkt auf seinem Landsitz.

Und dennoch werden die Amerikaner diesen 4. Juli zu einem patriotischen Megafest machen. Sämtliche Einzelhändler melden Rekordabsätze beim Verkauf von Flaggen. Auf dem Potomac in Washington wird ein Feuerwehr-Schiff blaues, weißes und rotes Wasser 100 Meter hoch in die Luft spritzen. "Die Leute antworten dem Terrorismus, indem sie feiern", sagt Jim Heintze, Bibliothekar an der American University in der US-Hauptstadt.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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