Testspiel gegen Niederlande
Völlers letzte Notlösungen

Fredi Bobic vor dem blitzartigen Comeback, Hanno Balitsch vor dem unverhofften Debüt - und Rudi Völler in immer größerer Personalnot: 24 Stunden vor dem Prestigeduell gegen die Niederlande verschlimmerten die Absagen der erkrankten Carsten Ramelow und Carsten Jancker die ohnehin angespannte Situation im Lager des Vize-Weltmeisters dermaßen, dass Völler allerletzte Notlösungen aus dem Hut zaubern musste.

HB/dpa CASTROP-RAUXEL. Der Teamchef nominierte für die Partie an diesem Mittwoch (20.00 Uhr/ZDF) in der Arena "Auf Schalke" den erstarkten Torjäger Bobic, der zuletzt vor viereinhalb Jahren in einer DFB-Auswahl stand, sowie den eigentlich für die U21-Auswahl vorgesehenen Leverkusener Neuling Balitsch in seine Verlegenheits-Auswahl nach.

"Ich freue mich riesig, dass die Leistung der vergangenen Wochen eine Bestätigung gefunden hat. Wenn ich zum Einsatz komme, werde ich mich zerreißen", versprach Bobic, den Völlers Ruf zur Mittagsstunde auf dem Trainingsplatz in Hannover ereilte. Bis zuletzt hatte sich der Teamchef ungeachtet der öffentlichen Meinung hartnäckig gegen eine Rückholaktion des 31-Jährigen ausgesprochen, nun erklärte er ihn - zwangsläufig - zum großen Hoffnungsträger. "Er ist der klassische Knipser, der Tore erzielt und mittlerweile auch eine gewisse Erfahrung mitbringt", urteilte Völler über Bobic, der auch mit seinen besonnenen Kommentaren nach der Nichtnominierung in der vergangenen Woche Pluspunkte gesammelt hatte.

Da Jancker nach einer schlaflosen Nacht wegen Rippenschmerzen absagen musste und Sturm-Alternative Oliver Neuville meilenweit von seiner Normalform entfernt ist, hat Bobic gute Chancen auf einen Einsatz in der Anfangself als Partner von Miroslav Klose. Der formschwache "WM-Held" aus Kaiserslautern, der zuletzt an einer Knöchelprellung laborierte, meldete sich nach einem Belastungstest am Dienstag einsatzbereit. Dagegen reiste der Leverkusener Ramelow wegen anhaltender Magen-Darm-Probleme erst gar nicht ins Trainingsquartier nach Castrop-Rauxel an.

Völler und Kapitän Oliver Kahn versuchten, die angespannte Personallage gar nicht erst als Entschuldigungsgrund für eine eventuelle Pleite im Nachbarschaftsduell zu thematisieren. "Eine Nationalmannschaft besteht nicht aus elf, sondern aus 20 Spielern. Jetzt sollen die anderen zeigen, was Sache ist", forderte Kahn die "Hinterbänkler" zu großen Taten auf. Und auch Völler sprach seiner Notelf das volle Vertrauen aus. "Ich habe keine Angst vor einer Blamage", beteuerte der Teamchef, und er versprach: "Die, die auflaufen, werden brennen."

Welche "Notelf" in der seit Monaten ausverkauften Arena "Auf Schalke" einheizen soll, wusste Völler 24 Stunden vorher selbst noch nicht. Vor allem der Ausfall der kompletten Abwehrreihe mit Christoph Metzelder, Christian Wörns, Jens Nowotny und Ramelow fordert die Improvisationskünste des Teamchefs heraus. Zudem grübelte Völler nach einem Gespräch mit Jörg Böhme darüber, ob ein Einsatz des Schalkers angesichts dessen persönlicher Probleme ratsam ist.

Doch allen Schwierigkeiten zum Trotz dürfe man gegen die Niederländer nicht in Ehrfurcht erstarren, forderte Völler und erkor den kleinen Fußball-Nachbarn Österreich zum mahnenden Beispiel. Der war vor drei Wochen beim 0:3 in der EM-Qualifikation vor eigenem Publikum vom "Oranje"-Team vorgeführt worden. "Die Österreicher hatten von der ersten Minute an Angst, abgeschossen zu werden, und sind deshalb auch abgeschossen worden", urteilte Völler.

In den letzten beiden Kräftemessen mit den Niederlanden präsentierte sich das deutsche Team allerdings ähnlich desolat und hatte es einzig dem Faktor Glück zu verdanken, dass die Begegnungen vor vier Jahren in Gelsenkirchen (1:1) und im Februar 2000 in Amsterdam (1:2) nicht mit Debakeln endeten. Auch diesmal sieht Völler die Elf von Trainer Dick Advocaat, obwohl bei der WM nur Zuschauer, als die Mannschaft mit dem größeren fußballerischen Potenzial an: "Holland ist Weltklasse, wir wollen peu à peu da hinkommen." Mut sprach auch "Kaiser" Franz Beckenbauer zu: "Diesmal gibt es keine Lektion."

Vehement wehrte sich Völler gegen die Kritik, er würde die Nationalspieler in unbedeutenden Testspielen verheizen. Bayern Münchens Trainer Ottmar Hitzfeld war in der "AZ" mit den Worten zitiert worden: "Michael Ballack war angeschlagen und krank, konnte kaum am Training teilnehmen. Da wäre es jetzt für ihn das Wichtigste, Defizite aufzuholen." Schon gegen die Färöer hatte sich Ballack trotz einer Grippe-Schwächung zum Einsatz bei Völler durchgerungen. "Bei mir werden nie Spieler eingesetzt, die nicht einsetzbar sind", entgegnete Völler.

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