Testspiele der Fußball-Nationalelf werden personell immer häufiger zur Farce
Wer nicht will, muss nicht

Vor Freundschaftsspielen der Nationalmannschaft ist es bereits zur Gewohnheit geworden, dass zahlreiche Akteure ihre Teilnahme absagen. Die Prioritäten haben sich verschoben.

Hier treffen Sie den Frosch, hier sind Sie König." Der Werbeslogan des Warnemünder Hofs soll darauf hinweisen, dass das Hotel ein gediegenes und ideales Urlaubsdomizil ist. Ferien ganz nahe an der Ostsee, inmitten von weiten Wiesen, unweit des Kurortes Warnemünde. Auch für die deutschen Nationalspieler war an diesem Ort Entspannung angesagt. "Man kann mal kurz durchatmen", sagt Lars Ricken. Gegen Mitternacht kam er am Sonntag angehetzt, nach dem 3:0 von Borussia Dortmund gegen Energie Cottbus. Zehn Stunden später schreckte der 26-Jährige DFB-Teamchef Rudi Völler. "Lars kam in den Frühstücksraum gehumpelt. Er hatte einen Pferdekuss abgekriegt", berichtete Völler und teilte mit, dass der Mittelfeldspieler im Testspiel am Mittwoch Abend (20.45 Uhr) gegen die USA in Rostock nicht spielen kann.

"Die medizinische Abteilung hatte alle Hände voll zu tun", sagte DFB-Direktor Bernd Pfaff. Wunderheiler aber beschäftigt der Verband nicht, und so muss das deutsche Team am Mittwoch auf eine lange Liste prominenter Namen verzichten. Insgesamt sind es 14 Spieler, die zum engsten Kreis der WM-Kandidaten gezählt werden, aber nicht zum Einsatz kommen werden. Teils freiwillig, teils verletzungsbedingt. Der Hamburger Verteidiger Ingo Hertzsch und der Leverkusener Stürmer Thomas Brdaric wurden daher nachnominiert.

Das Länderspiel gegen die US-Amerikaner ist gemessen an den aktuellen Pflichtspielen der Klubs nahezu bedeutungslos. Und da sich im heutigen Profifußball die Prioritäten verschoben haben und die Nationalelf gewiss nicht mehr die erste Geige im Ranking der Profis spielt, wundert sich niemand mehr über die lange Ausfallliste. Auffällig ist, dass immer vor den ungeliebten Freundschaftsspielen eine wahre Verletzungsflut einsetzt. Vor dem Spiel im Ostseestadion stellt sich folglich die Frage nach dem Sinn von Veranstaltungen dieser Art, die dem DFB weniger Sympathien, dafür aber üppige Fernseheinnahmen bescheren.

Eine solche Absagenflut wie in diesen Tagen hat es früher nur gelegentlich unter Bundestrainer Jupp Derwall (1978-1984) gegeben. Auch Teamchef Franz Beckenbauer passierte es mal, dass im Vorfeld der WM 1990 ein in der Sportschule Grünwald vorgesehener Lehrgang ohne Länderspiel zum "Leergang" mutierte. Ähnlich ergeht es jetzt Rudi Völler. Der wehrte sich dennoch dagegen, die Partie als "Muster ohne Wert" zu bezeichnen.

Völler machte in den vergangenen Tagen vielmehr gute Miene zum bösen Spiel. Der 41-Jährige warb sogar um Verständnis, dass so viele Akteure den zweiten von sechs Testläufen für die WM nicht mitmachen werden. Auf die beiden Torhüter Oliver Kahn und Jens Lehmann verzichtete er freiwillig, denn er muss zwischen dem Leverkusener Hans-Jörg Butt und dem Bremer Frank Rost, die beide eine Halbzeit spielen werden, den dritten WM-Torwart auswählen. Es könnte die einzige bemerkenswerte Erkenntnis sein, die Völler am Mittwoch Abend gewinnen wird. Spieler wie Mehmet Scholl, Carsten Jancker (beide FC Bayern), Sebastian Deisler und Marko Rehmer (beide Hertha BSC) waren wegen Verletzungen oder mangelnder Spielpraxis gar nicht erst von Völler nominiert worden.

Doch es hagelte auch späte Absagen: Christian Wörns, Christoph Metzelder, Sebastian Kehl (alle Dortmund) Alexander Zickler (Bayern München) kamen erst gar nicht nach Warnemünde, Jens Nowotny (Leverkusen) reiste am Montag ab. Bei Miroslav Klose (Kaiserslautern) bestand zwischenzeitlich geringe Hoffnung, dass er noch fit werden könnte, aber am Montag nach dem Training stand fest: Nicht nur er, sondern auch Bode und Ricken werden gegen die USA zuschauen. Den Einzigen, den es richtig erwischt hat, ist Zickler. Der 28-Jährige muss sich einer Wadenoperation unterziehen und wird nicht zur WM fahren.

Auch Rehmer ist ein echtes Sorgenkind, denn nach seinem Beinbruch ist unklar, ob er bis zur WM noch fit wird. Bei den meisten anderen handelt es sich um Blessuren, die weniger dramatisch sind. Bei bedeutsamen Spielen hätten einige auflaufen können, räumte schließlich auch Völler ein. Mit dem freiwilligen Verzicht auf diverse WM-Kandidaten wolle er sich bei den Vereinen bedanken, die ihm vor den beiden Relegationsspielen gegen die Ukraine sehr geholfen hätten.

Die richtige WM-Vorbereitung gehe ohnehin erst Mitte Mai los. Bis dahin könnten auch noch die Länderspiele gegen Argentinien (17. April), Kuwait (9. Mai) und Wales (14. Mai) zur Farce werden. Erst beim letzten Test gegen Österreich (18. Mai) ist die Saison in allen Klubwettbewerben beendet. Und dann werden die Herren Nationalspieler wohl wieder Zeit und Lust verspüren, zur Nationalelf zu reisen.

Sei kein Frosch, wird Völler jedem Einzelnen sagen, hier bist du König.

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