Teuerungsrate im September voraussichtlich über EZB-Ziel
Ölpreis heizt Inflation im Euro-Raum an

Die Spekulationen über einen möglichen Krieg im Irak haben ihre Spuren nun auch an der Inflationsrate im Euro-Raum hinterlassen: Das von der Europäischen Zentralbank (EZB) definierte Ziel für Preisniveaustabilität wird auch im September verfehlt werden, schätzen die Statistiker von Eurostat.

HB/pbs DÜSSELDORF. Sie rechnen mit einer Inflationsrate von 2,2 % - das EZB-Ziel liegt bei 2 %. Noch im August hatte die Jahresteuerung bei 2,1 % gelegen. Schuld am Preisanstieg ist der höhere Ölpreis. Denn in der Kernrate-ohne die schwankungsanfälligen Preise für Öl und Nahrungsmittel-werden die Preise im September voraussichtlich weiter nicht gestiegen sein, schätzt Edward Teather, Ökonom bei UBS Warburg.

Die endgültigen Zahlen veröffentlicht Eurostat am 16. Oktober. Volkswirte sehen die Entwicklung der Teuerung in der Euro-Zone gelassen: Es werden weder Inflations- noch Deflationsszenarien gehandelt. "Das Preisniveau ist derzeit stabil", meint Christoph Weil, Ökonom bei der Commerzbank. Und 2003 wird der Preisauftrieb in Euro-Land weiter abnehmen, sind sich Ökonomen einig. Die Prognosen schwanken von 1,5 % bei Goldman Sachs über 1,9 % bei Merrill Lynch bis zu 2 % bei der Commerzbank. Der Rückgang wird allerdings vor allem durch einen günstigeren Basiseffekt verursacht: 2002 waren die Preise wegen der Euro-Einführung gestiegen. Aber selbst wenn die Preise weniger stark steigen - mit einer Deflation im eigentlichen Sinne rechnen die wenigsten Ökonomen.

Erst wenn die Preise dauerhaft fallen und Verbraucher in den Kaufstreik treten, weil sie mit weiter fallenden Preisen rechnen, ist es so weit. Aber ein regelrechter "Einbruch der Nachfrage" sei nicht zu erwarten, meint Dirk Schumacher, Volkswirt bei Goldman Sachs. Theoretisch kann Deflation durch stark fallende Aktienkurse zusammen mit deutlich einbrechenden Preisen am Immobilienmarkt ausgelöst werden, räumt Weil ein. Aber die Wahrscheinlichkeit dafür schätzt er als sehr gering ein, sowohl in den USA als auch in der Euro-Zone. Statt dessen könnte die Teuerung sogar wieder anziehen, falls die neue Regierung tatsächlich die Steuern erhöht.

"Wenn die Mehrwertsteuer steigen sollte, würde das unmittelbar auf die Preise durchschlagen", meint Weil. Allerdings würde sich dieser Effekt von selbst wieder egalisieren: Denn eine Erhöhung der Mehrwertsteuer würde den Konsum und damit die Konjunktur belasten - und damit auch den Preisauftrieb dämpfen. Der private Verbrauch ist schon jetzt das große Sorgenkind. "Die Inlandsnachfrage ist und bleibt schwach. Das liegt sowohl an den geopolitischen Unsicherheiten als auch an den Unsicherheiten an den Finanzmärkten," sagt Elga Bartsch, Volkswirtin bei Morgan Stanley. Die Bank hat deswegen ihre Wachstumsprognose für die Euro-Zone am Montag deutlich gesenkt und geht nur noch von 0,7 % Wachstum in diesem und von 1,5 % im kommenden Jahr aus.

Generell ermöglicht eine niedrige Inflation höheres Wirtschaftswachstum: Für Unternehmer ist Preisniveaustabilität besonders wichtig, weil sie ihre Gewinnerwartungen besser kalkulieren können und niedrigere Risikoaufschläge bezahlen müssen. Die zweite "große Unbekannte" in der künftigen Preisentwicklung ist die weitere Entwicklung des Ölpreises. Allein in den ersten 25 Tagen des Septembers ist der Preis für das schwarze Gold um 6,4 % gestiegen-im Vorjahreszeitraum hatte sich Öl dagegen nur um 2,5 % verteuert, hat Teather von UBS Warburg ausgerechnet.

Am Montag kostete ein Barrel (159 Liter) der Sorte Brent rund 29 $. Wenn die Sorgen um einen Irak-Krieg nicht mehr notwendig seien, könne der Preis aber wieder fallen, weil die Risikoprämie nicht mehr notwendig sei, meint Weil. Elga Bartsch sieht den Ölpreis im kommenden Jahr zwischen 25 und 28 US-Dollar pendeln. Die aktuellen Inflationsdaten sprechen aus Sicht von Ökonomen nicht gegen eine Senkung der Leitzinsen. Erst am Wochenende hatte der Internationalen Währungsfonds (IWF) Zinssenkungen angeregt. Am Geldmarkt werde eine Zinssenkung um 25 Basispunkte bis zum Jahresende bereits erwartet, sagt Goldman-Sachs-Ökonom Schumacher. Geteilter Meinung sind die Volkswirte lediglich bei der Frage, wann die Notenbanker handeln. Bartsch erwartet diesen Schritt erst im kommenden Frühjahr-die meisten ihrer Kollegen rechnen aber bereits bis zum Jahresende mit einer Senkung.

Quelle: Handelsblatt

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