Teure Gebäudetechnik zahlt sich aus: Demonstration der Kultur

Teure Gebäudetechnik zahlt sich aus
Demonstration der Kultur

Mit neuen Konzernzentralen können Unternehmen ihren Mitarbeitern das Leben schöner machen - oder schlimmer. Emporragendes Beispiel: der gerade eröffnete Post Tower in Bonn.

Herbert Grönemeyer. In voller Lautstärke. "Flugzeuge im Bauch" schallte es im Kopf von Post-Mitarbeiterin Kerstin F., immer wenn sie in den ersten Tagen in der neuen Konzernzentrale, dem Post Tower, den gläsernen Fahrstuhl betrat. Innerhalb weniger Sekunden schoss die 30-Jährige in eine der oberen Etagen des Südturms, Rheinauen und Stadtbild rückten dabei pittoresk rechts und links ins Blickfeld. Kerstins Magenwände allerdings kamen nicht ganz so schnell mit - es kribbelte wenig angenehm. "Das hat sich mittlerweile gebessert, das Tempo wurde gedrosselt", sagt sie.

Heute stören sie zwar immer noch einige Dinge an ihrem neuen Arbeitsplatz: die Geräuschkulisse im Büro, weil die Schiebetür nicht schalldicht schließt. Oder das Gefühl, ständig beobachtet zu sein, weil der Raum - wie überhaupt der gesamte Tower - innen und außen nahezu komplett verglast ist. Gleichzeitig sagt die energisch wirkende Frau: "Ich habe den ästhetischsten Arbeitsplatz in ganz Bonn" und lobt das gelungene Innendesign: eine Mischung aus edlen Stoffen, Holz, Glas und Stahl.

2 000 Mitarbeiter der Post AG zogen Anfang des Jahres in den Turm. Mit 162,5 Metern sind die beiden versetzten Ellipsenhälften des Star-Architekten Helmut Jahn sogar größer als der Kölner Dom.

Trotz der Wirtschaftskrise: Allerorten werden derzeit neue Lokal- und Konzernzentralen eröffnet. Denn geplant wurden diese mitten im Boom - und solch teure Projekte werden nicht einfach abgeblasen. Und das ist auch gut. Denn Gebäude können motivieren: "Wer ein neues Gebäude plant, kann eine völlig neue Firmenphilosophie einführen", sagt Professor Matthias Sauerbruch, der den viel gelobten Neubau und die Erweiterung der GSW-Hauptverwaltung in Berlin entwarf.

Auf den Punkt gebracht muss sich der Unternehmer fragen: "Wie viel Kommunikation braucht mein Unternehmen?" Die Antwort entscheidet auf Dauer über das Betriebsklima.

Reine Zellenbüros mit ein oder zwei Sitzplätzen sind in Deutschland weit verbreitet, aber nicht mehr im Trend. Zu isoliert sitzen die Mitarbeiter. Großraumbüros als Gegenentwurf bringen ebenfalls Nachteile: etwa schlechte Akustik und wenig individuellen Freiraum für die Mitarbeiter. Ein Aspekt, der für die Motivation und Arbeitsmoral entscheidend sein kann. Trotzdem sind Großraumbüros bei Unternehmern immer noch sehr beliebt, vor allem, wenn großer Kommunikationsbedarf herrscht. Den sah wohl auch die Führungsetage der Post AG. "Man hat uns ganz schön gepusht, über eine sehr offene Konzeption nachzudenken", erzählt Architekt Jahn (siehe Interview: "Ganz schön durchsichtig").

Durchgesetzt hat sich schließlich die modernste Version einer Bürokonzeption - das Kombibüro. Einer-, Zweier- und Dreierbüros gruppieren sich an der Fensterfront entlang um einen großen Raum im Innenbereich des Turms. Die Wände zum Flur hin sind durchsichtig, die Trennwände zwischen den Büros zum größten Teil aus Milchglas und nur am Rand klar.

"Man reißt sich schon mehr zusammen", erzählt Kerstin F., die vor dem Umzug in einem Einzelbüro in der Innenstadt gearbeitet hatte. "Schließlich sitzt mein Abteilungsleiter auf meiner Etage und kommt öfter vorbei." Sie kenne einige Kollegen, die sich nicht sehr wohl in ihrer Haut fühlten. "Die haben dann ein Problem", sagt Helmut Jahn lakonisch. Für ihn wie für den Bauherren steht Transparenz für Offenheit und Ehrlichkeit, die zu mehr Kommunikation und damit zu einem besseren Gefühl im Büro führen soll.

Im Fall von Kerstin F. hat sich die Idee der Post bestätigt: "Ich kenne bereits viel mehr Kollegen als früher." Um Verständnis bei weniger flexiblen Mitarbeitern zu bekommen, sollte ein Unternehmen zumindest den Betriebsrat schon während der Planung hinzuziehen und die Belegschaft ausführlich informieren.

Die zweite wichtige Frage für Bauvorhaben ist: Wie viel investiere ich in die Technik eines Gebäudes? "In traditionellen Bürogebäuden übersteigt die Summe der Unterhaltskosten die ursprünglichen Baukosten bereits nach zehn Jahren", sagt Sauerbruch, der an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart lehrt. "Mit innovativen Konzepten lässt sich der Energiebedarf erheblich reduzieren." Wer 50 % geringere Unterhaltskosten erreichen will, müsse bereit sein, bis zu 25 % höhere Planungs- und Baukosten auszugeben.

Aus Sicht der Post AG lohnt sich der Mehraufwand. "Wir sparen bis zu 60 Prozent Energiekosten", heißt es. Die Sonnenenergie wird passiv genutzt, das Klima über die Gebäudehülle reguliert. Sie besteht aus zwei Glasschalen, so dass die Mitarbeiter die Fenster öffnen können, ohne dass Wind und Regen ins Büro blasen.

Letztendlich spart die Post jedoch nicht nur Geld. "Wohlfühlen hat mit Komfort zu tun", sagt Jahn. Und den garantiere der High-Tech-Turm. Wenn es mehr Pflanzen gäbe, die Kantine weniger kühl gestaltet wäre und es nicht so hallen würde, könnte ihm auch Kerstin F. vollends zustimmen. Trotz allem ist sie, wie die meisten Postler, stolz darauf, in dem neuen Gebäude zu arbeiten: "Schließlich ist das täglicher Gesprächsstoff in der Stadt."

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