Teure Schadensfälle schmälern Versicherungsschutz der Arzneimittel-Industrie: Assekuranz scheut Pharma-Risiken

Teure Schadensfälle schmälern Versicherungsschutz der Arzneimittel-Industrie
Assekuranz scheut Pharma-Risiken

Eine Serie von Großschäden hat die Pharmabranche bei Versicherungen in Verruf gebracht. Die Absicherung wird nun extrem teuer. Zudem müssen die Firmen immer größere Risiken alleine tragen.

FRANKFURT/M. Für die Pharmabranche wird es immer schwieriger, Produktrisiken abzusichern. Weil sich in den vorigen Jahren große Schadensfälle gehäuft haben, sind die Versicherungsprämien drastisch gestiegen - allein der Rückruf des Bayer-Medikaments Lipobay wegen mutmaßlich lebensgefährlicher Nebenwirkungen wird die Assekuranz nach eigener Einschätzung 570 Mill. Euro kosten. "Es gibt derzeit nichts Schlimmeres, als Haftpflicht-Policen für Pharmafirmen einzukaufen", klagt Joachim Gizelt, der Geschäftsführer der Merck Versicherungsvermittlung GmbH.

Besonders schwierig ist die Entwicklung auf dem US-Markt, wo extrem hohe Schadensersatzforderungen drohen. Versicherungspolicen, die das globale Geschäft inklusive der USA abdecken, haben sich nach Angaben aus der Branche um das Drei bis Vierfache verteuert. Die Jahresprämien bewegen sich nach Branchenangaben inzwischen bei 4-5 % der Deckungssummen von zum Teil 1 Mrd. $. Gleichzeitig fordern Versicherer wesentlich höhere Selbstbehalte von den Unternehmen. "Die Entwicklung ist damit noch wesentlich dramatischer als in der Industrieversicherung generell", sagt Daniel Gantner, der im Produktmanagement der Swiss Re für den Bereich Pharma verantwortlich ist.

Teilweise seien US-Risiken gar nicht mehr versicherbar, berichten Experten großer Pharmakonzerne. Viele Versicherer haben ihr Pharma- Engagement stark zurückgefahren oder sind komplett aus dem Neugeschäft ausgestiegen. Nach Schätzung der Swiss Re haben sich die Kapazitäten (Deckungssummen) für Pharma-Haftpflicht-Versicherungen in den vergangenen beiden Jahren um mehr als ein Viertel verringert. Dieser Trend werde sich wohl noch weiter fortsetzen, erwartet Gantner. "Hauptursache sind eine Reihe von Großschäden in den USA."

Die Versicherungsausgaben der Pharmabranche bewegen sich zwar noch immer bei weniger als 1 % vom Umsatz und bilden damit noch keine ernsthafte Belastung. Wesentlich gravierender wirkt indes die Tatsache, dass Hersteller immer größere Risiken alleine tragen müssen. Zwar sind die führenden Pharmakonzerne, wie das Beispiel Wyeth zeigt, in der Lage, selbst zweistellige Milliardenbelastungen zu verkraften. "Für kleine und mittelgroße Hersteller können die Risiken aber signifikant sein", warnt Pharmaanalyst Christian Wenk von der Rating-Agentur Standard & Poor?s. Indirekt sind die wachsenden Haftpflichtrisiken damit auch ein Grund für die Fusionswelle im Pharmasektor. Und sie verstärken zugleich die Neigung, relativ üppige Liquiditätspolster anzulegen, um gegen Großrisiken gewappnet zu sein.

Die Wahrscheinlichkeit von schädlichen Nebenwirkungen bei Medikamenten hat dabei keineswegs zugenommen. Gewachsen ist allerdings die Sensibilität von Behörden und Patienten. Zudem wurden auch in Deutschland und Europa die Haftpflicht-Vorschriften verschärft.

In den USA sorgte in den vergangenen Jahren vor allem das Schlankheitsmittel Redux für Aufsehen, das der US-Pharmakonzern Wyeth 1997 vom Markt nehmen musste. Wyeth hat in diesem Fall inzwischen 14,6 Mrd. $ an Geschädigte ausgezahlt oder zurückgestellt. Andere Fälle wie das Diabetesmedikament Rezulin von Pfizer, das Magenmedikament Propulsid von Johnson & Johnson oder auch Lipobay von Bayer haben in den Bilanzen der Firmen zwar noch keine Spuren hinterlassen, wohl aber bei den betroffenen Haftpflichtversicherern.

Weitere Klagewellen stehen bevor - so zum Beispiel im Zusammenhang mit dem Wirkstoff Phenylpropanolamin (PPA), der in zahlreichen freiverkäuflichen Erkältungsmitteln enthalten war, inzwischen aber unter dem Verdacht steht, Schlaganfälle zu verursachen.

Quelle: Handelsblatt

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