Teure Schönheit
Fiskus erzürnt Schönheitschirurgen

Brustvergrößerung, Faltenglättung oder Augenliederstraffung - kaum eine Medizinsparte boomt stärker als die der Schönheitschirurgen. Doch jetzt fällt ein Schatten auf die Sonnyboys der Branche. Der deutsche Fiskus hat sie im Visier.

DÜSSELDORF. Das Problem: Je nach Standort ihrer Praxis sollen die Ärzte plötzlich lückenlos nachweisen, dass ihre Arbeit in der Vergangenheit medizinisch geboten war - andernfalls drohen hohe Umsatzsteuernachforderungen. "Für plastische Chirurgen, die überwiegend so genannte Schönheitsoperationen vornehmen", klagt Rolf-Rüdiger Olbrisch, Vizechef der Vereinigung Ästhetisch-Plastischer Chirurgen (VDÄPC), "ist das die maximale Katastrophe".

Kern des Problems ist die banal klingende Frage, ob Ärzte eine Heilbehandlung durchführen oder ob ein Besuch bei ihnen Luxus ist. Die Antwort ist für Finanzbehörden und Mediziner jedoch alles andere als unerheblich. Denn je nach Einordnung ist die Leistung von Ärzten umsatzsteuerfrei - bei heilberuflichen Eingriffen - oder eben nicht.

Die plastischen Chirurgen hatten mit der Abgrenzung über viele Jahre wenig Schwierigkeiten. "Von wenigen Ausnahmen abgesehen, wurden von den Ärzten über Jahrzehnte hinweg mit Billigung der Finanzverwaltung keine Umsatzsteuererklärungen abgeben" , berichtet Dirk Eisolt, Anwalt und Steuerberater bei Rölfs Partner in Berlin, der mittlerweile einen der Betroffenen vertritt.

Doch das war gestern. Jetzt geht es um viel Geld, "teilweise gehen die Nachforderungen in die Millionen", sagt Eisolt. "Es gibt Fälle, in denen die Finanzbeamten auf Grund der langen Verjährungsfristen bis Mitte der 90er Jahre zurückgehen". Schlecht für die Chirurgen: Denn nur selten lassen sich nach so langer Zeit noch die eigentlichen Steuerschuldner, die Patienten, ermitteln. Dann muss der Arzt für die Umsatzsteuer gerade stehen.

Schuld an dem Dilemma ist der Europäische Gerichtshof (EuGH). Der entschied im September 2000 ausdrücklich, dass Leistungen eines Arztes nur dann umsatzsteuerfrei sind, "wenn sie der medizinischen Behandlung von Krankheiten dienen". Über zwei Jahre später reagierten darauf die Oberfinanzdirektionen (OFD) der Länder. In ausführliche Verwaltungsanweisungen griffen sie das Kriterium der "medizinischen Indikation" auf, die der Arzt nun beweisen soll.

Alles kein Problem, heißt es in der Branche - wenn da nicht kürzlich Berliner Finanzbeamte auf die Idee gekommen wären, diese Nachweiserfordernisse auch auf die Vergangenheit auszudehnen - und wenn ihre Kollegen in Süddeutschland nicht viel großzügiger verfahren würden. Denn während Ärzte mit Praxen in Berlin jetzt für jeden Einzelfall in der Vergangenheit die medizinische Notwendigkeit belegen sollen, haben die Finanzbehörden im süddeutschen Raum Vertrauensschutzregelungen erlassen: "Die Steuerpflicht für die genannten Leistungen gilt ab dem 1.1.2003", heißt es in nahezu gleich lautenden Verfügungen der OFD-Bezirke Stuttgart/ Karlsruhe, Nürnberg und München. Ähnliche Verfügungen der OFD Berlin, aber auch Hannover und Frankfurt sehen dagegen diese Regelung nicht vor.

Für die plastischen Chirurgen ein unhaltbarer Zustand. Sie fordern Gleichbehandlung in allen Bundesländern - und zwar im Sinne der süddeutschen Vertrauensschutzregelung. "Es kann doch nicht sein, dass ein und dieselbe Tätigkeit in verschiedenen OFD-Bezirken unterschiedlich behandelt wird", sagt Olbrisch. Zudem könne ein Finanzbeamter nicht beurteilen, welche Behandlung medizinisch indiziert ist. "Dies muss Sache der Ärzte bleiben", fordert der VDÄPC-Vizechef.

Die Finanzverwaltung sieht dagegen kein Grund zur Korrektur. "Wir halten die Vorgehensweise unserer OFD für richtig", sagt Harald Braun, Umsatzsteuerreferent beim Berliner Finanzsenator. Das EuGH-Urteil sei eindeutig. "Dass anderen Ländern unberechtigter Weise Vertrauensschutzregelungen einführen, kann für Berlin nicht Richtschnur sein". Beim Bundesfinanzministerium will man die Sache nun in einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe klären, beteuert eine Ministeriumssprecherin. Eisolt empfiehlt trotzdem jedem Betroffenen: "Gegen belastende Steuerbescheide sollte in jedem Fall Einspruch eingelegt werden."

Männer unterm Messer: Jährlich legen sich laut Vereinigung der Ästhetisch-Plastischen Chirurgen bis zu 800 000 Menschen aus optischen Gründen unters Messer. Der Anteil der Männer wächst, heute ist er dreimal so groß wie vor zehn Jahren.

Die Kosten weichen je nach Schönheitskorrektur voneinander ab: So kostet eine Brustvergrößerung zwischen 4 500 und 7 000 Euro, Fettabsaugung zwischen 1 500 und 4 000 Euro und ein Facelift zwischen 4 000 und 12 000 Euro. Wem sein Kinn zu lang ist, zahlt rund 750 Euro, bei einer Oberlid-Korrektur verlangt der Arzt 1 500 Euro, Tränensäcke wird man für etwa 2 500 Euro los.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%