The Wall Street Journal
John Kerry – das Dilemma des Herausforderers

Vor unserem Einmarsch im Irak warnte ein besorgter Außenminister Colin Powell einen allzu sorglosen Präsidenten George W. Bush vor der Verantwortung, die ein Einmarsch im Irak mit sich bringen werde. Er benutzte einen Warnspruch, den alle Elefanten im Porzellanladen kennen: Wenn man etwas kaputt macht, ist man auch dafür verantwortlich. "You break it, you own it" lauten die Warnschilder in amerikanischen Geschäften.

WASHINGTON. Nach dem desaströsen Nachkriegs-Management haben die Amerikaner den Spruch abgewandelt: Wir haben den Irak kaputt gemacht, aber um die Scherben sollen sich jetzt andere kümmern. "We broke it, they own it", so die Formel.

Zwar ist noch immer die Mehrheit der Amerikaner überzeugt, dass Saddam Hussein ein Schurke ist, und die Leute stehen nach wie vor hinter dem US-Militär. Doch die meisten Wähler halten die amerikanische Irak-Politik für verfehlt und misstrauen dem eigenen Präsidenten. Sie fürchten, dass unsere Soldaten zu lange vor Ort bleiben. Wenn die Lage sich weiter verschlimmert - und danach sieht es zurzeit aus - fordern die meisten Wähler so schnell wie möglich den Rückzug aus dem Irak. Lieber heute als morgen.

Daran ändert auch die in aller Heimlichkeit vollzogene Machtübergabe im Irak nichts. Noch immer sind 140 000 amerikanische Soldaten für den Großteil der Sicherheit im Irak verantwortlich. Jetzt glaubt die Mehrheit der Amerikaner, dass der Irak-Krieg die enormen Kosten nicht rechtfertigt. Dies gilt besonders für die unentschiedenen Wechselwähler in der politischen Mitte, die den Ausgang der US-Wahl entscheiden dürften.

Gerade in Europa, wo der US-Präsident unpopulär ist, hoffen daher viele, dass ein Sieg des Herausforderers John Kerry angesichts der öffentlichen Meinung schon so gut wie im Kasten ist. Doch US-intern liegen die Dinge nicht so einfach: Der Herausforderer steckt nämlich in einem Dilemma. Zwar geben ihm die Schwierigkeiten der Bush-Regierung im Irak Rückenwind. Und Kerry kann mit Genugtuung feststellen, dass Bush im Ausland keine Unterstützung findet und mit Hilfeersuchen abblitzt. Doch die Amerikaner haben es Kerry vor einiger Zeit übel genommen, als er behauptete, mehrere ausländische Politiker würden ihn als den nächsten Präsidenten bevorzugen. Außerdem hat George Bush inzwischen seine fehlgeschlagene unilateralistische Politik aufgegeben und sucht mehr Unterstützung der Alliierten. Damit hat er sich ein ganzes Stück auf die Kerry-Position zubewegt - wenn auch mit ebenso mäßigem Erfolg wie zuvor. Es ist das Dilemma des Herausforderers und Kritikers einer unbeliebten US-Sicherheitspolitik: Der Herausforderer muss sich als politische Alternative profilieren, darf aber nicht als Schwarzmaler oder Opportunist erscheinen.

Kompliziert ist die Lage auch dadurch, dass Kerry zwar die Bush-Politik kritisiert, aber gleichzeitig gegen einen abrupten Abzug aus dem Irak ist. Sollten im Oktober noch immer so viele Amerikaner im Irak sterben wie zurzeit, dann dürfte Kerry mit seiner Haltung Wähler aus dem Anti-Kriegs-Lager an den Kriegsgegner Ralph Nader verlieren. Kerry kann zwar noch ein paar Stimmen aus diesem Lager retten, indem er eine Untersuchung der Kriegsgewinnler initiiert - das wäre ein Angriff auf Halliburton, die frühere Firma des Vizepräsidenten Dick Cheney. Und wenn Cheney sich dann noch zu einem unschönen Schlagabtausch provozieren lässt, um so besser. Doch für den eigentlichen Wahlsieg geht es um etwas anderes:

Kerry muss in den Augen der Wähler zeigen, dass er Amerikas Interessen mit Nachdruck vertritt - nicht europäische oder transatlantische. Wenn ihm das gelingt, und wenn sich die Lage nach der Machtübergabe im Irak nicht verbessert, dann besteht die Chance, dass die US-Wähler am 2. November das tragische Fehlmanagement der US-Regierung im Irak nicht ungestraft lassen.

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