Theoretisch fehlt noch ein Punkt
Der Regenmeister

Michael Schumacher beweist auf dem nassen Kurs von Indianapolis seine Klasse - der 6. WM-Titel ist ihm fast sicher.

INDIANAPOLIS. Theoretisch fehlt zwar noch ein einziger Punkt - trotzdem feiert die Formel-1-Szene schon jetzt Michael Schumachers sechsten Weltmeistertitel. "Das war der entscheidende Schritt zum WM-Titel. Jetzt kann er es beim letzten Saisonrennen in Suzuka ganz ruhig angehen lassen. Wir haben nur noch eine winzige Chance", sagt Mercedes-Sportchef Norbert Haug. Sein Pilot Kimi Räikkönen liegt nach dem Großen Preis der USA in Indianapolis neun Punkte hinter Schumacher, er kann nur noch Weltmeister werden, wenn er in zwei Wochen in Japan siegt und Schumacher maximal Neunter wird.

In der Praxis ist Schumacher in so einer Situation eigentlich nur durch einen technischen Defekt zu stoppen. Das hat er bei seinem Sieg vor zwei Wochen in Monza bewiesen, als er unter Druck stand, das hat er in den USA bewiesen, als er genauso unter Druck stand. Es war der grandiose Auftritt des Michael Schumacher, des feinfühligsten und abgeklärtesten Piloten der Formel 1. "Ich habe in Monza gesagt, es ist einer der schönsten Tage in meiner Karriere. Das sage ich jetzt nach diesem Sieg auch", erklärte er in Indianapolis.

Auch er hatte nämlich durchaus Probleme. Bis zu zwölf Sekunden betrug bisweilen der Rückstand auf Räikkönen. Hinzu kam eine Fehlentscheidung, die das Rennen schon früh hätte entscheiden können. Denn als Michael Schumacher in der 20. Runde an die Box fuhr, hieß es bei Ferrari: "Regenreifen? Nein danke." Nur wenige Meter später begann es freilich abermals zu regnen. Schumacher musste in der 21. Runde nochmals Kurs Richtung Box nehmen.

Schumacher ist "regefest"

Doch dann beherrschte die schwierige Situation, diesen Regen, keiner so gut wie der Mann aus Kerpen. Dass die Bridgestone-Reifen an seinem Ferrari bei Nässe viel besser greifen als die Michelin, die BMW-Williams und McLaren-Mercedes verwenden, ist der eine Punkt. Aber keiner geht bei schwierigen Bedingungen so virtuos mit seinem Fahrzeug um wie Schumacher. Natürlich kam ihm der Regen entgegen, das sagt er ja selber: "Wenn es trocken geblieben wäre, hätte ich Räikkönen wohl kaum schlagen können." Aber es war nun mal zeitweise nass. "Es ist fast unbegreiflich, dass zu Schumachers Können immer noch ein Quäntchen Glück kommt", sagt Ex-Weltmeister Jackie Stewart. Wenn Schumacher zum sechsten Mal Weltmeister wird, hätte er den Rekord von Juan-Manuel Fangio - wie Schumacher fünfmal Weltmeister - gebrochen.

"Das war ein ganz normaler Rennunfall"

Allerdings wurde im Fahrerlager nicht bloß über Schumachers Fahrkünste diskutiert. Thema war auch die Frage: Haben die Sportkommissare des Motorsport-Weltverbands Fia mit einer unberechtigten Strafe Juan-Pablo Montoya im BMW-Williams um seine letzte WM-Chance gebracht, während sie bei Schumacher etwas großzügiger hingeschaut haben? Montoyas Angriff auf Ferrari-Pilot Rubens Barrichello, bei dem der Brasilianer von der Strecke flog, wurde mit einer Durchfahrt durch die Boxengasse geahndet. Doch selbst Barrichello gab zu: "Das war ein ganz normaler Rennunfall." Montoya tobte: "Diese Strafe ruinierte mein Rennen. Dadurch musste ich eine zusätzliche Runde im Regen mit Trockenreifen fahren." Er wurde nur Sechster und ist aus dem Rennen um den WM-Titel ausgeschieden.

Überholmanöver von Schumacher wird untersucht

Dagegen untersuchten die Fia-Sportkommissare einen anderen umstrittenen Zwischenfall nicht näher - das Überholmanöver von Michael Schumacher gegen Olivier Panis bei gelber Flagge, die ein Überholverbot signalisiert. Schumacher erklärte, er sei bereits an Panis vorbei gewesen, als er die gelben Flaggen bemerkt habe. Bei Panis hörte sich das etwas anders an: "Wenn er schon ein bisschen vorbei war, dann deshalb, weil ich vom Gas gegangen bin, als ich die gelben Flaggen sah. Ich dachte, das sei der Sinn einer gelben Flagge." Nur: Weder McLaren-Mercedes noch BMW-Williams legten Protest ein. Und das verstanden viele Beobachter nicht. Hätte Schumacher nachträglich eine 25-Sekunden-Strafe kassiert, wie es in so einer Situation üblich ist, wäre er nur Zweiter geworden, Räikkönen hätte statt neun nur fünf Punkte Rückstand, und auch Montoya hätte noch WM-Chancen.

Stattdessen konnte sich nun Ferrari-Teamchef Jean Todt über den Sieg und den wahrscheinlichen Titel freuen. In Italien, Ferraris Heimat, glaubt niemand mehr, dass sich Schumacher den Titel noch abjagen lässt. Am Ferrari-Sitz in Maranello hatten Tausende Fans das Rennen auf Großbildleinwänden verfolgt. Pfarrer Don Alberto Bernadoni läutete die Glocken just in dem Moment, als in den USA die italienische Nationalhymne angestimmt wurde.

Schumacher ist nach 1994, 1997 und 1998 zum vierten Mal bei einem "Eins-gegen-Eins-Duell" zum Saisonfinale dabei. Nur ein Mal konnte er den Titel im letzten Rennen gewinnen. 1994 wurde er in Adelaide gegen Damon Hill erstmals Weltmeister. Am 26. Oktober 1997 rammte Schumacher beim Saisonfinale in Jerez Jacques Villeneuve. Der Kanadier konnte weiterfahren und wurde Weltmeister. Schumacher hingegen wurden nachträglich alle WM-Punkte aberkannt. Sportlich fair ging es am 1. November 1998 in Suzuka im Duell mit Mika Häkkinen (McLaren-Mercedes) zu. Der Finne gewann den Grand Prix und den Titel.

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