Therapien für Krebspatienten werden exakt auf einzelne Varianten der Krankheit abgestimmt
Genforscher wollen Tumore stoppen

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts in Martinsried haben einen genetischen Mechanismus entdeckt, der dafür verantwortlich ist, wie schnell sich Krebszellen im Körper eines Kranken ausbreiten. Die Forscher wollen nun Medikamente entwickeln, die den Tumor stoppen und geringere Nebenwirkungen haben als gängige Therapien.

KÖLN. Intelligente Pillen sollen künftig das Wachstum von Tumoren eindämmen. Eine Gruppe von Wissenschaftlern um Axel Ullrich, Direktor der Abteilung Molekularbiologie am Max-Planck-Institut (MPI) für Biochemie in Martinsried, hat ein Gen entdeckt, das beeinflusst, wie schnell sich Krebs im menschlichen Körper ausbreitet. Wenn dieser Mechanismus mit Hilfe eines Medikaments blockiert wird, so die Hoffnung der Forscher, könnten Tumore gebremst werden. Ullrich hat Mitte vergangenen Jahres das ebenfalls in Martinsried ansässige Unternehmen U3 Pharma AG gegründet, in dem nun ein entsprechender Wirkstoff entwickelt werden soll. Dieser könnte nach bisherigen Erkenntnissen beispielsweise Patienten mit Brust- oder Darmkrebs helfen.

"Die neue Behandlungsmethode könnte eine Alternative oder Ergänzung zu Chemotherapie oder Strahlenbehandlung bieten", sagt Mike Rothe, der für Forschung zuständige Vorstand von U3 Pharma. Der Wissenschaftler geht davon aus, dass die Nebenwirkungen deutlich geringer sein werden als bei gängigen Therapieformen. Das geplante Medikament werde nur erkrankte Zellen angreifen, sagt U3-Pharma-Gründer Ullrich. Solche Präparate werden auch als "Smart Drug" bezeichnet. "Diese intelligenten Pillen finden ihr Ziel, ohne die gesunden Zellen zu zerstören."

Nach Einschätzung von Rothe könnten die klinischen Studien mit einem neuen Wirkstoff frühestens in zwei bis drei Jahren beginnen. Es werde noch bis zu zehn Jahre dauern, bis ein Medikament auf den Markt kommt. Gemeinsam mit Krebsforschern der Technischen Universität München, des Petrov-Instituts für Onkologie in St. Petersburg und der Universität Chieti in Italien spürten Ullrich und Kollegen ein Gen auf, das für die Signalübertragung zwischen Zellen zuständig ist. Sie stellten fest, dass dieses Gen beim Menschen in zwei Varianten vorkommt - auch Allel genannt. Bei Krebs-Patienten mit der als Adenin-Allel bezeichneten Ausprägung stellten die Wissenschaftler fest, dass die Krankheit sich wesentlich aggressiver ausbreitet.

Damit war einer der genetischen Schalter entdeckt, der das Wachstum eines Tumors beeinflusst. Prof. Peter Lichter, Leiter der Abteilung Molekulare Genetik des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg nennt diese jüngste Erkenntnis von Ullrich einen sehr wichtigen Befund: "Es ist möglich, viel genauer zu verstehen, welche Mechanismen dafür verantwortlich sind, dass manche Tumore aggressiver wachsen."

Dies sei notwendig, um Krebskranke besser behandeln zu können. "Wir brauchen für jede Krebsart eine optimale Therapieform oder Kombination von Therapien", sagt Lichter. Dazu müssten die einzelnen Krebsvarianten genau untersucht und passende Therapien entwickelt werden. "Eine einzige Waffe gegen alle Arten von Krebs wird es nicht geben", sagt Lichter. Wie mit Hilfe der neuen Erkenntnisse ein Medikament produziert werden soll, sei jedoch schwer zu beurteilen", sagt Lichter. "Der Befund ist zunächst nicht tumorspezifisch." Das entdeckte Gen befinde sich schließlich in allen Körperzellen.

Mike Rothe von U3 Pharma zeigt sich jedoch zuversichtlich, dass sich ein Wirkstoff entwickeln lässt. "Der jüngst entdeckte Mechanismus ist bevorzugt auf Krebszellen aktiv" sagt er. Es bestehe zwar die Möglichkeit, dass ein Medikament auch gesunde Zellen angreift - allerdings nicht in dem großen Umfang wie etwa bei einer Chemotherapie.

Bereits vor Jahren hat Ullrich einen Antikörper hergestellt, der das Wachstum von Tumoren verzögern oder gar stoppen kann. Das darauf basierende Medikament Herceptin des Pharmaproduzenten Hoffmann-La Roche ist seit 2000 in Deutschland auf dem Markt und wird bei bestimmten Brustkrebsarten eingesetzt. "Herceptin blockiert Empfängermoleküle und kann das Krebswachstum verlangsamen und es sogar zum Stillstand bringen", sagt Rothe. Allerdings wirke das Medikament nur bei etwa 15 % der an Brustkrebs erkrankten Patientinnen. "Es gibt viele Faktoren, die für die Entstehung von Brustkrebs verantwortlich sind", sagt der U3-Pharma-Vorstand. "Aufgabe der Wissenschaftler ist es, diese Faktoren zu identifizieren und individuelle Therapien zu entwickeln."

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