Thiel hat bei Frankfurter Investoren fast jeglichen Kredit verspielt
Thiel: Der tiefe Fall eines Börsenlieblings

Luxemburg ist bekanntlich ein kleines und damit übersichtliches Land.. 426 000 Menschen tummeln sich auf gerade mal 2 586 Quadratkilometern. Man kennt sich also. So gesehen wundert es nicht, dass sich Luxemburger Investoren und Luxemburger Unternehmer öfter mal über den Weg laufen als beispielsweise Luxemburger Unternehmer und Frankfurter Investoren. Allein diese Tatsache führte beim Luxemburger Logistik-Dienstleister Thiel Logistik in den letzten Wochen zu erheblichen Verstimmungen.

FRANKFURT/M. Der konkrete Fall: Am 21.Juni teilten die beiden Luxemburger Finanzgesellschaften Lorenzo Holding S.A. und Industrial Performance S.A. ohne jegliche Begründung mit, dass sie ihren Anteil von einstmals 39,2 % an Thiel auf jeweils unter 5 % gedrückt haben. Den Frankfurter Investoren - und davon gibt es nicht wenige - wurde von Unternehmensseite weiterhin erzählt, dass die Geschäfte plangemäß laufen würden. Nachdem die Aktie auf Talfahrt ging, schaltete Lorenzo eine knappe Woche eine Anzeige mit einer hanebüchenen Erklärung. Tenor: Lorenzo habe keine Lust mehr, wegen des Thiel-Investments permanent im Blickpunkt der Öffentlichkeit zu stehen. Noch immer soll bei Thiel alles nach Plan laufen, womit sich zu diesem Zeitpunkt aber selbst die Pressestelle von Thiel Logistik schwer tat, dies überzeugend zu verkaufen.

Erst weitere zweieinhalb Wochen später platzte endgültig die Bombe: Der Gewinn werde im laufenden Jahr um 77 % geringer ausfallen als ursprünglich geplant und nur noch 25 Mill. Euro betragen, wurde mitgeteilt. Vor allem Einbrüche bei Töchtern sollen schuld gewesen sein. Hier forderten die Investoren bereits seit langem Einsicht in die Tochterbilanzen, die ihnen stets mit dem Verweis "unüblich" verwehrt wurde.

Inzwischen sprechen selbst zurückhaltende Analysten offen von Insiderverkäufen von Lorenzo Holding und Industrial Performance. Frankfurter Fondsmanager fühlen sich speziell von Unternehmensgründer und-chef Günter Thiel bewusst falsch informiert. Ein Vorwurf, der wahrlich nicht aus der Luft gegriffen scheint. Der 50-Jährige mit der sonoren Stimme, der das Unternehmen 1985 gründete, galt bisher als integrer Geschäftsmann und war in Investorenkreisen stets hoch angesehen. Ein Ruf, der inzwischen dahin ist. Ein anderer Punkt: Wieder einmal zweifeln viele Investoren, Analysten und auch Journalisten, wie sehr sie sich in puncto Menschenkenntnis bei einem Vorstand eines Neue-Markt-Unternehmens irren konnten. Und auch das Bundaufsichtsamt für den Wertpapierhandel (BAWe) prüft seit Anfang Juni die Vorgänge um die Aktie. Damals war sie noch 10 Euro wert.

Die Thiel-Papiere sind inzwischen zum Spekulationsobjekt verkommen. Auch wenn ihr Kurs seit dem Tiefstand Mitte Juli bei 2,41 Euro inzwischen wieder über 100 % an Wert zugelegt hat, so ist wohl in diesem Jahr mit einer dauerhaften Wertsteigerung nicht zu rechnen.

Dafür gab es im bisherigen Jahresverlauf zu viele Ungereimtheiten. Das begann im Januar mit der waghalsigen Übernahme des Textillogistikers Birkart Globistics, setzte sich im März mit einer unbegründeten Kapitalerhöhung fort und fand seinen vorläufigen Höhepunkt in der dramatischen Fehlkalkulation. Nebenher kam ein lange Zeit als Hoffnungsträger gehandelter Großauftrag der Bundeswehr nicht zu Stande. Die Anleger können nur hoffen, dass nun das Ende aller Hiobsbotschaften erreicht ist. Nur: Was ist, wenn das BAWe bei seinen Ermittlungen fündig wird, wenn auch die 25 Mill. Euro Gewinn nicht erreicht werden und wenn die Integration von Birkart Globistics endgültig scheitern sollte? Thiel bietet im Moment mehr Fragen als Antworten.

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