Thierse gegen Haarprobe
Kokain im Reichstag: Gutachten verzögert

dpa BERLIN. Das für diesen Freitag angekündigte Gutachten über die Kokainreste in Reichstagstoiletten verzögert sich bis kommende Woche. Der mit der Untersuchung befasste Professor Fritz Sörgel sagte am Freitag in einem dpa-Gespräch, er wolle über das Wochenende noch einige Experimente zu der Frage machen, wie das Kokain auf die Toiletten gekommen sei. Sörgel sagte weiter, zwei Abgeordnete hätten ihn um Beratung wegen eines Haartests gebeten.

Unterdessen sprach sich Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) gegen Haarproben von Abgeordneten aus und kritisierte erneut den Bericht von Sat.1. Dieser sei "Höhepunkt des deutschen Journalismus". "Die Toilettenschnüffelei beginnt", sagte Thiese am Donnerstagabend in der ZDF-Sendung "Johannes B. Kerner-Show". Das Sat.1-Magazin "Akte 2000" hatte berichtet, in 22 von 28 Toiletten des Reichstags seien Kokainspuren gefunden worden. Ein Journalist hatte die Proben entnommen. Thierse sagte weiter: "Ich halte nichts davon, wenn Abgeordnete sagen, ich bin bereit zur Haarprobe. Das wird ja allmählich zum Volkssport."

CSU-Rechtsexperte für Haartest

Wolfgang Zeitlmann, Rechtsexperte der CSU, sagte dagegen der in Berlin erscheinenden Tageszeitung "B.Z." (Freitag): "Wenn die Staatsanwaltschaft konkrete Verdachtsmomente hätte, dann wäre ich dafür, dass diese Abgeordneten auch zur eigenen Entlastung eine Haarprobe machen."

Sörgel sagte, er rechne in der kommenden Woche mit dem Gutachten. Sein Institut für pharmazeutische und biomedizinische Forschung (Nürnberg) hatte die Proben analysiert. Der Wissenschaftler erklärte, seine These, wonach die Drogenreste möglicherweise beim Putzen der Toiletten verbreitet wurden, sei nur eine Möglichkeit.

Drogenbeauftragte fordert sachbezogene Diskussion

Nach ersten Experimenten stehe für ihn bereits fest: "Durch einfaches Wischen wird der größte Teil des Kokains entfernt." Wenn also sauber gewischt werde, sei die Frage, wie groß die Kokainmengen auf den Toiletten ursprünglich gewesen seien. Der Bundestag hatte nach Bekanntwerden der Berichte erklärt, die Toiletten würden bis zu zwei Mal täglich gereinigt. "Das war wohl ein Eigentor", sagte Sörgel. "Die Fakten sind, dass Kokain auf den Toiletten gefunden wurde."

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Christa Nickels, forderte eine vernünftige und sachbezogene Auseinandersetzung über Kokain-Konsum in Deutschland. Sie sei entsetzt über die derzeit laufende "hysterische Debatte", sagte die Grünen-Politikerin am Freitag dem Südwestrundfunk (SWR). Es gebe dabei eine "sehr voyeuristische, gierige und sensationslüsterne Komponente".

Die Staatsanwaltschaft Berlin hat nach eigenen Angaben noch kein Material von der "Akte 2000"-Redaktion angefordert. Es gebe nach wie vor kein offizielles Ermittlungsverfahren, sagte eine Sprecherin. "Das dauert seine Zeit." Eine Sprecherin der Redaktion von "Akte 2000" sagte, die Aufzeichnungen über die Untersuchung seien noch nicht an den Bundestag weitergeleitet. Sie sollten am Montag übergeben werden.

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