Thüringen-Wahl
Analyse: Kommt Schwarz-Grün?

Die Gedankenspiele faszinieren die Parteistrategen der Union durchaus – allerdings in Berlin weitaus mehr als in Erfurt. Für beide Seiten gäbe es durchaus gute Gründe, sich auf das Experiment einzulassen.

Am 13. Juni, gleichzeitig mit der Europawahl, wählen die Thüringer ihren neuen Landtag. Um es gleich vorwegzunehmen: Der Wahlabend selber wird nicht so spannend. Das Ergebnis steht - Überraschung allerdings nicht ausgeschlossen - mehr oder weniger fest: Die CDU wird einen Koalitionspartner brauchen, und der naheliegendste Bündnisgenosse, die FDP, wird den Einzug in den Landtag verpassen und damit nicht zur Verfügung stehen. Ob am Ende für diese oder jene Partei ein Prozentpunkt mehr oder weniger herauskommt, ist nicht so wichtig.

Umso spannender wird es dafür nach der Wahl: Dann kommt es darauf an, wer mit wem die Mehrheit für die Regierungsbildung zusammenbekommt. Und da wird es voraussichtlich eine ganze Latte von Möglichkeiten geben. Darunter - und das ist das eigentlich Aufregende an dieser Wahl - eine schwarz-grüne.

Die CDU unter Ministerpräsident Dieter Althaus liegt in den aktuellen Umfragen bei 42 bis 43 Prozent und entfernt sich damit immer weiter von der Chance, die absolute Mehrheit der Union in Thüringen zu verteidigen. Eine Trendwende nach der Serie von Erdrutschsiegen der Union in Hessen, Niedersachsen und Hamburg lässt sich daraus allerdings noch nicht unbedingt ablesen. Immerhin wird die Union nach wie vor als Sieger aus der Wahl hervorgehen. Dass sie im Vergleich zu 1999 Stimmanteile einbüßt, hat landespolitische Gründe: Damals stand noch Bernhard Vogel zu Wahl. Althaus fehlt die souveräne, landesväterliche Ausstrahlung seines Vorgängers. Und seine Versuche, mit populistischen Forderungen nach weniger Sparen und mehr Schulden zu punkten, haben offensichtlich nicht gezogen.

SPD und PDS werden beide irgendwo zwischen 20 und 24 Prozent landen. Und dann sind da noch die Grünen: Sie liegen im Moment bei 6 bis 7 Prozent. Das ist für sich genommen schon bemerkenswert genug: Vor nicht allzu langer Zeit galten die Grünen in ganz Ostdeutschland als Splitterpartei mit glorreicher Bürgerrechtler-Vergangenheit und trostloser Gegenwart: schwache Mitgliederbasis, sektiererische Flügelkämpfe, Wahlergebnisse bei zwei Prozent und darunter. Das hat sich geändert - nicht nur in Thüringen, dort aber am deutlichsten: Mitglieder haben die Thüringer Grünen zwar nach wie vor nicht sehr viele. Aber mit ihren zwei jungen energischen Spitzenfrauen, der Fraktionsvorsitzenden im Bundestag Katrin Göring-Eckardt, und der treuherzigen Landesvorsitzenden Astrid Rothe, haben sie es geschafft, das fusselbärtige Dissidentenimage von einst abzuschütteln.

Göring-Eckardt und Rothe werden seit Monaten ständig nach der schwarz-grünen Option gefragt, und die stereotype Antwort lautet: Man liege in allen wesentlichen Punkten viel zu weit auseinander mit der CDU. Verhandeln könne man ja mal, aber herauskommen werde dabei nichts. Auch die Union winkt zurzeit ab.

Mag sein, dass die Differenzen groß sind. Aber wenn die Union wirklich will, dürften sie sich überbrücken lassen. Die Grünen wissen sehr wohl, dass fünf Jahre als kleine Oppositionspartei kein Spaß sind. Rot-Grün mit PDS-Duldung wäre zwar rechnerisch möglich. Aber wenn man bei den Thüringer Grünen die Union schon nicht besonders mag, hasst man die PDS regelrecht unter den früheren Bürgerrechtlern.

Gute Grüne gäbe es durchaus für beide Seiten, sich auf das Experiment einzulassen: Die Grünen haben die Nase voll, sich von der SPD erpressen lassen zu müssen, und dürsten seit langem nach Koalitionsalternativen. Und was Rot-Grün und dabei insbesondere Rot schwächt, ist der CDU allemal recht. Sicher, das Risiko des Scheiterns wäre groß: Aber im nächsten Frühjahr in Schleswig-Holstein und NRW wäre es noch größer. Denn mit Göring-Eckardt und Rothe, das bestreitet auch in der Union kaum einer, kann man durchaus zusammenarbeiten, was man anderen grünen Landesverbänden weniger bereitwillig zugesteht. Wann also, wenn nicht jetzt?

Diese Gedankenspiele faszinieren die Parteistrategen der Union durchaus - allerdings in Berlin weitaus mehr als in Erfurt. Am Ende wird es aber darauf ankommen, was Althaus will: Er muss die Koalitionsverhandlungen führen, die Regierung bilden und danach fünf Jahre regieren. Und er profitiert von den strategischen Chancen weit weniger. Dafür drücken die reellen Risiken umso schwerer. Der SPD müsste er zwar mehr Kabinettsposten abtreten, dafür wäre die Regierungsmehrheit komfortabler. Gut möglich also, dass sich die Aufregung um Schwarz-Grün erneut als verfrüht erweist.

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