Tichys Wechselstube
Eine Frage der Ehre

Übernahmen werden von Managern immer auch als eine Frage der Ehre behandelt. Das erklärt den Widerstand der London Stock Exchange gegen die Avancen der „Krauts“ ebenso wie andere Fälle.

Sichtlich beleidigt vermerckte der Reichshauptdax Schering das Angebot der Darmstädter Apothekerfamilie. Arcelor-Fürst Guy Dolle reagiert ärgerlich auf Mittal, und ihn trifft es auch ganz hart: Stellen Sie sich vor, so ein dahergelaufener Rikscha-Lakschmi steigt in Ihren Dienst-Daimler – und das nicht als Chauffeur! Oder nehmen Sie Pischetsrieder: Da hat er gerade Piëch durch den Lieferanteneingang aus dem Haus gehartzt da kauft der die Bude und fährt im Porsche vor! Und wie war das doch furchtbar, als eine angeheiratete Witwe Kugelfischer geschluckt hat und heute wissen wir schon gar nicht mehr so genau, wer Kugel-Who war!

Die Schmach für Vorstände wird unerträglich, wenn es noch Familien sind, die so mirnix-dirnix glanzvolle AGs über den Küchentisch ziehen. Das riecht nach einem globalen Trend: So wie Mittal ein straff geführtes Familienunternehmen ist, wurde auch Portugal Telekom gerade von Belmiro de Azevedo, einem der reichsten Männer des Landes, übernommen. Für Londons BAA mit ihren Flugplätzen Heathrow und Gatwick bietet die spanische Ferrovial, der Laden von Rafael del Pino, die Hoteliersfamilie der Rius hat nebenbei Tui gerettet und der Klamotten-Wöhrl sammelt nicht mehr Knöpfe, sondern Fluglinien.

Vielleicht sind von Familien geführte Unternehmen besser geeignet, große Risiken einzugehen: Ihre unternehmerische Freiheit ist größer, weil sie weniger Rücksicht auf Aktionäre, Management-Komitees und Aufsichtsräte nehmen müssen. Ihr finanzieller Atem, man nennt das heute Pay-back-Period, hält länger vor als bis zum Quartalsbericht. Und sie haben schon auf Kerngeschäft und Gewinn geachtet, da mussten angestellte Manager erst lernen, wie man Shareholder Value buchstabiert. Schlägt dann noch das echte Unternehmer-Gen durch, sind sie für Großtransaktionen gerüstet.

Wenn dann solche unstandesgemäßen Parvenues, Krauts oder Krauter daherkommen, bleibt den Angegriffenen nur die Hoffnung auf einen weißen Ritter, der die Manager-Ehre rettet. Groß muss er sein, und super-edel. So, wie der große Bruder aus New York die LSE rettet, mal wieder.

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