Tichys Wechselstube
Geldwerter WM-Vorteil

Roland Tichy, Chefkolumnist des Handelsblatts, über seinen Friseurbesuch, eine fehlgeschlagene Instrumentalisierung der WM durch die Politik und die Schädigung der Sponsoren durch die Geldgier der Fifa.

Sie können es zwar nicht sehen, aber trotzdem: Ich war rechtzeitig vor der WM beim Frisör. Nicht weil ich besonders schön sein will für das Ereignis. Nein, nicht weit weg von meiner Frankfurter Wohnung liegt das Restaurant Caruso, da speisen die Brasilianer. Und der dortige Kellner schickt die Damen zu meinem Frisör zwecks abendlicher Verschönerung.

Deshalb habe ich mich vorschneiden lassen und bin sicher: Die WM wird auch ein Konjunktur-Booster. Denn auch meine Masseurin nebenan ist auf Wochen ausgebucht, und mein Sohn will auf dem Bürgersteig auf portugiesisch Papa-Bier und Papa-Maßkrüge anbieten: Allerdings beziehen sich diese auf Benedikt XVI. und seine Vorliebe für Bier aus unserer gemeinsamen Heimatstadt Traunstein, das lokal beliebte aber global bislang eher unbekannte „Schnitzei-Weisse“.

Dafür war die WM ja eigentlich auch gedacht. Sie sollte eine Wohlfühl-Welle auslösen, die Gerhard Schröder zum dritten Mal ins Amt spült, und die Konjunktur über die rot-grüne Depression hinwegjubeln. Bekanntermaßen haben sich dann die Regionalligaspieler in NRW verdribbelt. Statt des gefürchteten „Acker“ Gerd kam eine Frau ins Amt, deren Fußballaffinität eher mit Maßstäben der Elementarteilchen-Physik messbar ist: Total Nano. Angela Merkel hat daran erinnert, wie die DDR aus Sporterfolgen politisches Kapital zu schlagen versuchte. Vergeblich.

Und dann ist die WM ja eine Art Klon deutsch-schweizerischer Charaktermängel. Überbürokratisiert wie jedes deutsche Reform-Vorhaben, so dass schon der Erwerb einer Eintrittskarte einem Hoheitsakt mit Genehmigungsvorbehalt und Weitergabeverbot ähnelt. So wird die Frage, wie der geldwerte Vorteil einer verschenkten Karte zu behandeln ist und wer berechtigt ist, eine zu beziehen, wichtiger als die Zahl der Tore. Dazu kommt die Geldgier der Fifa. Sie ist geeignet, die Sponsoren eher zu schädigen als zu befördern: Es kann nicht gut für das Image von Hyundai sein, wenn Fußballfans durch den Regen patschen müssen, bloß weil die hier zu Lande verkehrenden Taxis von der falschen Marke sind und sich nicht einem Stadion nähern dürfen, das sonst Allianz-Arena heißt.

Aber im Kleinen wird die WM ein Erfolg, das Leben geht weiter. Für Sie schreibe ich übrigens zukünftig nicht mehr aus dem Caruso, sondern als Beobachter aus Berlin.

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