Tichys Wechselstube
Hauptstadt ohne Land

Bundesfinanzminister Peer Steinbrück hat durch sein demonstratives Erscheinen der Deutschen Börse bei den Verhandlungen mit dem französisch-dominierten Möchtegern-Partner den Rücken gestärkt. Das ist eine Ausnahme. Denn Finanzplatzfragen beschäftigen die Berliner Politik nicht mehr, seit Helmut Kohl die Europäischen Zentralbank nach Frankfurt geholt hat.

DÜSSELDORF. Diese Ignoranz liegt daran, dass alles, was mit Geld und Banken zu tun hat in Deutschland immer noch einen Hautgout verbreitet: Man arbeite mit der Stirn oder der Faust, aber spekuliere nicht! Ob Heuschrecken-Debatte oder Reits-Beratung – immer wieder brechen die ideologisierten Vorurteile gegen Finanzmärkte auf. Übrigens bei den Linken wie bei den ganz Rechten, da zeigt sich die gemeinsame anti-moderne Tradition.

Noch entscheidender ist, dass London oder Paris aus ganz klar verstandenen Standortinteressen für ihre Finanzplätze kämpfen. In Großbritannien, weil die Finanzindustrie der letzte verbliebene „Leading Sector“ ist und die City einen Großteil des Landes in Schwung hält. Ähnlich denkt Paris.

Berlin aber denkt nur an Berlin. Standort zählt nur, wenn die Bahn nach Hamburg umziehen will oder Schering nach Darmstadt soll. Oder wenn es darum geht, einen Stall voller Beamter wie den BND oder das Bundeskriminalamt nach Berlin zu holen – koste es, was es wolle. Im Fall des BND übrigens etwa so viel, wie die Bürger durch den Wegfall von Subventionen zusätzlich blechen müssen.

Der Wirtschaftsminister ist einer rätselhaften Schweigekrankheit verfallen; die Kanzlerin in die wolkigen Höhen der Außenpolitik entschwunden. Die Abgeordneten, die berlinernden Höflinge und Hofschranzen mit der bürgerlichen Berufsbezeichnung Lobbyist oder Journalist keifen zänkisch um die wahre Auslegung des Koalitionsvertrags etwa beim Antidiskriminierungsgesetzes. Wortklauberei ersetzt Wirtschaftspolitik.

Draußen in der Provinz, wo noch gearbeitet wird, zerbrechen sich Unternehmer die Köpfe darüber, wie sie zukünftig beweisen können, dass sie nicht gerade irgendwen irgendwie diskriminiert haben. Im Raumschiff Berlin und seinen selbstbezüglichen Debatten kommt das Leiden der Provinz nicht an. Das wäre ja konkret und stört den politischen Betrieb.

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