Tichys Wechselstube
Hier werden Sie geschröpft

„Wird sie geköpft?“ Diese umstrittene Schlagzeile der Bild-Zeitung anlässlich der Entführung von Susanne Osthoff hält der Deutsche Presserat, ein Club zur Selbstkontrolle der Printmedien, ausdrücklich für „presseethisch vertretbar“. Denn es hätte ja passieren können, dort hinten im Irak, oder?

Neuerdings wacht dieser Presserat mit der ihm eigenen Schärfe auch darüber, dass Anleger nicht durch manipulative Börsenberichterstattung geschröpft werden – durch einen Pressekodex. Danach „sollen“ Journalisten zwei Wochen lang keine Papiere kaufen, über die sie berichten.

Der Presserat hat nachfragende Kollegen auch gleich dahingehend beruhigt, dass der Gummi-Kodex wirklich butterweich zu verstehen sei: Auch in Zukunft sei kurstreibende „Verdachtsberichterstattung“ uneingeschränkt möglich. Die zweiwöchige Sperrfrist kann gerne auch auf zwei Tage verkürzt werden und gelte nur für den Schreiber höchstpersönlich: Redaktionsschreibtische sind bekanntlich durchdringlich voneinander abgeschirmt. Jede weitergehende Regelung sei „absurd“, so der Presserat, schließlich sollen auch Journalisten unkontrolliert Aktien besitzen dürfen – schon aus Gründen der Altersversorgung.

Das alles wird als Sieg der Pressefreiheit gefeiert. Das klingt heroisch. Aber hat der Anlegerschutz keinerlei Stellenwert? Wird nicht vielmehr die Pressefreiheit nur benutzt, um die Differenzierung zwischen recherchierenden Redaktionen und schreibenden Zockerbuden zu verhindern? Vergebens auch die Hoffnung, dass sich Qualität langfristig schon durchsetzen werde – schließlich werden durch Kursmanipulationen auch Nicht-Leser getroffen. Ohnehin bestehen bislang nur in einzelnen Redaktionen, wie etwa beim Handelsblatt, interne Kontrollmechanismen. Änderung ist nicht in Sicht, denn es gibt keinerlei Zwangsmittel, um wenigstens die minimale Kodex-Kontrolle durchzusetzen.

Damit kann die Bankenaufsicht BaFin auch zukünftig nur extreme Fälle von Kursmanipulationen aufgreifen. Wertlos bleibt auch der Vorbehalt, dass der Kodex einer gesetzlichen Regelung „gleichwertig“ sein müsse. Die Chance, die schwarzen Schafe der Börsenberichterstattung zu stoppen, wurde vertan. Es darf weiter geköpft und geschröpft werden.

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