Tichys Wechselstube
Noch mehr Nicht-Wissen

Unbarmherzig bohrt sich unser Röntgenblick in die Bilanzen. Dank der vielen neuen Corporate-Governance-Regeln und seit es neuerdings sogar ein Fachmagazin mit dem programmatischen Titel „Insight“ für den neuen Berufsstand der Veröffentlichungsbürokratie gibt, wissen wir jetzt alles.

Es interessiert sowieso nur eines: Was verdienen die Vorstände denn so? Nur noch Exoten verbergen das vor den Zahlen-Paparazzi. Wer klug ist, veröffentlicht alles und sagt damit wenig. Aussagekräftig sind nur die fixen Vergütungsbestandteile, gewissermaßen das Schwarzbrot für Vorstandsetagen. Bei Tantieme und Jahresbonus wird das Bild schon grobkörnig: Wird der ausbezahlte Bonus ausgewiesen oder die Rückstellung zum Bilanzstichtag? Und wie ist das bei den ausgefeilten Long-Term-Incentives, die zudem oft erst dann ausbezahlt werden, wenn die Nutznießer aus dem Unternehmen und der Veröffentlichungspflicht ausgeschieden sind? Da schnalzen Bilanzexperten genießerisch mit der Zunge: Was gilt: die Werthaltigkeit einer wie auch immer gestrickten Option zum Bilanzstichtag oder der Wert der Vergütungszuwendung? Und welche Annahmen liegen der Bewertung zu Grunde?

Was lehrt uns, dass Dieter Zetsche für knapp eine Million Euro Daimler-Aktien gekauft hat – demonstratives Selbstbewusstsein, oder war die Gattin in der Woche des 53. Geburtstags großzügig mit dem Haushaltsgeld? Springer-Chef und Schering-Aufsichtsrat Matthias Döpfner verkauft für 12 900 Euro Schering-Aktien – der Größte des deutschen Verlagswesens handelt auch mit kleiner Münze. Die Fraport-Vorstände Wilhelm Bender und Stefan Schulte haben am 7. und 11. April Flughafen-Aktien für 60 875 respektive 39 638 Euro verkauft, während Bereichsvorstand Peter Schmitz am 24. April 35 Aktien für 2 089 Euro erworben hat: Ist das hierarchisch sortiertes Insiderwissen, Folge derGehaltsunterschiede, oder wurden da zwei Cabrios bestellt?

Schon fordert die neue Expertenelite nach dem Corporate-Governance-Kodex ein Handbuch für Good Practice zur Interpretation der Transparenz und eine Schiedsstelle zur Klärung aller Fragen, die außer den Autoren keiner stellt. Wenn es denn der Wahrheitsfindung dient, darf uns nichts zu umständlich und aufwendig sein.

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