Tichys Wechselstube
Patriotischer Yoghurt

Nestlé, das größte Schweizer Industrieunternehmen, macht mit 97 Prozent nicht Schweizer Mitarbeitern 98 Prozent seiner Umsätze jenseits der Grenzen. 63 Prozent der Aktionäre sind Ausländer. Was ist deutsch an einer Bank, deren Kunden über den Globus verstreut sind, mit einem Schweizer als Chef und dem Entscheidungszentrum in London?

Wie hessisch ist die Deutsche Börse, deren Geschäftspolitik durch angelsächsische Fonds bestimmt wird? Ist der Stahl von Mittal indisch wie der Geburtsort des Haupteigners, holländisch wie der Firmensitz, britisch wie die Adresse der Holding, ukrainisch wie die jüngste Groß-Erwerbung oder bald frankophon wie Arcelor? Wessen Lied sollen Manager singen, wenn sie sich so patriotisch verhalten wollen, wie es viele Politiker verlangen?

Unternehmen werden wieder zur vaterländischen Ordnung gerufen. In Deutschland, aber auch von US-Präsidentschaftskandidat John Kerry im Wahlkampf und vom US-Kongress in der Abwehrschlacht gegen Dubai als Hafeneigentümer; von Frankreichs Premier Villepin, dem es um Stahl, Strom und Yoghurt (Danone) als nationale Ikonen geht. Kazimierz Marcinkiewicz gibt Polens Banken nicht an Unicredito verloren und Spaniens Zapatero schmettert Eon ein feuriges „No Pasarán!“ entgegen.

Gemeinsam ist dem ein eher verzweifelter Appell an Vorstellungen von nationaler Autarkie und Größe: de facto lautstark verbrämte Hilflosigkeit angesichts der zunehmenden Flüchtigkeit von Standortbindungen. Denn das Modell der Villa Hügel in Essen ist längst überholt: Oben thront der geadelte Eigner – unten gießen die Kruppianer des Kaisers neue Kanonen – wobei schon Krupp gut an Lizenzen für Granatzünder verdiente, mit denen desselben Kaisers Soldaten an der Westfront niederkartätscht wurden. Kapital kennt keine Vaterländer.

In der globalisierten Welt ist nicht mehr benennbar, für wen Unternehmer gesellschaftliche Verantwortung tragen. Ist damit die Altersversorgung ihrer Aktionäre gemeint, oder Garantien für Arbeitsplatzbesitzer, oder sind es die Zukunftschancen zukünftiger Arbeitnehmer oder sind es die Konsumenten, Lieferanten, zukünftige Generationen, das Weltklima?

Die Regierungen sollten gute Standortbedingungen schaffen, statt Patriotismus einzufordern.

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