Tief greifender Konzernumbau könnte Infineon und Siemens Beteiligungschancen eröffnen
Toshiba vertröstet Optimisten auf 2003

Toshibas Geschäfte gehen nicht gut. Japans viertgrößter Elektronikkonzern meldet einen Nettoverlust von einer Milliarde Dollar und sieht einen Aufschwung erst in weiterer Ferne - frühestens 2003. Toshiba-Chef Okamura muss also handeln. Viel Zeit hat er jedoch nicht.

HB HONGKONG. Tadashi Okamura schwört seine Mitarbeiter auf harte Zeiten ein. Optimisten, die ein Ende der Absatzkrise in der IT-Industrie bereits für Mitte 2002 prophezeien, erteilt der Toshiba-Präsident eine Absage. "Die Erholung wird frühestens in der ersten Jahreshälfte 2003 einsetzen", sagte Okamura dem Handelsblatt.

Denn so lange werde es dauern, bis eine zweite Phase der IT-Revolution der Branche wieder Auftrieb gebe. Die Elektronik-Nachfrage wird Okamura zufolge erst dann wieder anziehen, wenn Breitbandkabel in jedem Haushalt liegen, interaktives Fernsehen funktioniert, mobile Datenübertragung zum Massenerfolg wird und - ganz entscheidend - die Sicherheitsprobleme im weltweiten Datennetz gelöst sind. "Für die neue Netzwerk-Ökonomie gibt es aber noch gar keine ausgereiften Geschäftsmodelle," sagte Okamura.

Bis es soweit ist, muss Okamura seinen weit verzweigten Konzern gravierend umbauen; denn der ist tief in die roten Zahlen gerutscht. Das Verlust bringende Geschäft mit Flüssigkristall-Anzeigen (LCD) hat er gerade mit Matsushita Electric fusioniert. Jetzt muss Okamura für sein größtes Sorgenkind, die schwer angeschlagene Speicherchip-Sparte (Dram), eine neue Heimstatt finden.

Seit August verhandelt Toshiba über eine Zusammenlegung des Dram-Geschäfts mit der deutschen Infineon und Südkoreas Samsung Electronics. Okamura schweigt sich darüber aus, ob dies die einzigen Gesprächspartner sind und mit welchem der beiden eine Hochzeit wahrscheinlicher ist. Er deutet jedoch an, ein Partner müsse sich an den Kosten für den Umbau des Dram-Geschäfts beteiligen. Dies gilt als Knackpunkt in den Verhandlungen mit Infineon.

Anders als bei den Münchnern machen Speicherchips jedoch nicht einmal ein Drittel von Toshibas Halbleiterproduktion aus. Für den Fall, dass die Verhandlungen scheitern, kündigt Okamura an, die Sparte zu verkaufen oder ganz zu schließen.

Mit der Sanierung der Speicher-Sparte allein bekommt Okamura sein Haus jedoch nicht in Ordnung: Seit die zwei japanischen Marktführer NEC und Matsushita ihr Handy-Geschäft fusioniert haben, steht Toshiba auch bei Mobiltelefonen unter Zugzwang. Bei der sehr aufwendigen Entwicklung von UMTS-Telefonen arbeitet der Konzern daher mit Siemens zusammen. Daraus könnte sich langfristig eine tiefere Partnerschaft ergeben.

Zunächst will sich Okamura jedoch auf den Heimatmarkt konzentrieren. "Unsere erste Priorität ist Japan," stellt er klar. Denn in Japan sei UMTS bereits Realität. Zweite Priorität habe der Boommarkt China. Dort will Toshiba im kommenden Jahr mit der Produktion von Handys auf der Basis des US-Standards CDMA beginnen. Diese Technik steht in direkter Konkurrenz zu dem von Siemens entwickelten und für China forcierten Mobilfunkstandard TD-SCDMA.

Durch die Fusion der US-Anbieter Hewlett-Packard und Compaq entsteht Toshiba auch im schwächelnden Computermarkt ein starker Konkurrent. Der gefährdet vor allem Toshibas Position im noch profitablen Notebook-Geschäft. Hier hatten die Japaner bislang eine Nische gefunden. "Wir müssen die Position unserer Marke am oberen Ende der Preisskala verteidigen", gibt Okamura als Richtung vor. Das will er mit neuen Produkten erreichen. Doch er weiß, dass es damit nicht getan ist. Bei Vertrieb und Effizienz könne Toshiba von US-Konkurrenten wie Dell lernen.

Viel Zeit bleibt Okamura nicht. Vergangene Woche legte der Konzern ein verheerendes Halbjahresergebnis vor: Einen Nettoverlust von 123 Mrd. Yen (1 Mrd. $) und einen Umsatzeinbruch um 11 % auf 2,5 Billionen Yen. Für das Gesamtjahr rechnet das Unternehmen nun mit 200 Mrd. Yen Verlust. Im Vorjahr hatte es noch 106 Mrd. Yen Gewinn eingefahren. Um Kosten zu senken, will Toshiba jeden zehnten Arbeitsplatz streichen, insgesamt sollen 19 000 Jobs wegfallen.

Trotz Geschäftsbedingungen, die so schlecht sind wie nie zuvor: Am typisch japanischen Konzept des integrierten Elektronik-Konzerns will Okamura aber nicht rütteln. Toshiba soll auch in Zukunft eine breite Produktpalette herstellen, die von Digitalkameras bis in die Medizintechnik reicht. Okamura: "Die Synergien aus dieser Diversifizierung werden wir brauchen, wenn die vernetzte Gesellschaft Realität wird."

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%