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Tiefer Fall

"Wie heißt das noch mal, was die PT macht?" fragte mich kürzlich mein achtjähriger Sohn über die Arbeiterpartei des Präsidenten Lula. Seit Monaten ist seine Regierung und Partei in einen Skandal verstrickt, der die Schlagzeilen dominiert.

"Wie heißt das noch mal, was die PT macht?" fragte mich kürzlich mein achtjähriger Sohn über die Arbeiterpartei des Präsidenten Lula. Seit Monaten ist seine Regierung und Partei in einen Skandal verstrickt, der die Schlagzeilen dominiert. "Regieren", schlug ich vor. "Nein, das andere", insistierte er. "Anti-Hungerkampagne, vielleicht?" "Nein, dieses andere Wort", bohrte er weiter - um schließlich selbst darauf zu kommen: "Korruption, das ist es!" Ein tiefer Fall für die größte Partei Brasiliens, wenn schon Kinder sie heute mit Korruption assoziieren. Ausgerechnet die PT, die sich in 25 Jahren Opposition immer als demokratische Alternative im größtenteils korrupten Parteiensystems Brasiliens gesehen hatte. Die einzige Partei Brasiliens, vielleicht sogar Südamerikas, die im europäischen Sinn als eine "Massenpartei" gelten kann wegen ihrer demokratischen Basis. Die im Kampf g egen das Militärregime groß wurde. Im Gegensatz zu den anderen "Parteien" Brasiliens, in denen ein paar Häuptlinge die Karten verteilen, sich die Posten zuschieben und sie auch schnell wieder verlassen, wenn sie dabei leer ausgehen, hat die PT über eine Million Mitglieder - und schon lange nicht mehr nur Arbeiter und Gewerkschafter. Auch Beamte, Lehrer, Intellektuelle, sogar einige Unternehmer und weite Teile der aufgeklärten Mittelschicht haben sich im Verlauf der Jahre zur Arbeiterpartei bekannt. Dreimal hat Lula versucht, Präsident zu werden, beim vierten Mal hat es geklappt. Endlich ein ethischer Präsident an der Spitze Brasiliens. Alles wird gut, begeisterten sich seine Anhänger. Und nun? Von Tag zu Tag wird klarer, dass die Spitzen der Partei genau so wie das so verachtete politische Establishment Stimmen gekauft, Gelder in der Karibik gewaschen und Staatskonzerne zur eigenen Machtsicherung umfunktioniert haben - und das alles mit dreistelligen Millione nbeträgen. Fassungslos und in Tränen aufgelöst hören PT-Abgeordnete nun von den schmutzigen Manövern ihrer Parteiführung. Für das ohnehin schon labile ethische Gleichgesicht der brasilianischen Gesellschaft ist der Skandal eine Katastrophe: Warum soll ich arbeiten für einen Mindestlohn für umgerechnet hundert Euro, wenn es unter Abgeordneten üblich ist, monatlich 50.000 Reais als Taschengeld in bar abzuheben und das nicht einmal anstößig zu finden? Die Intellektuellen versuchen nun den Skandal als notwendigen Reifeprozess der brasilianischen Demokratie zu interpretieren. Hoffentlich behalten sie Recht.


Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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