Tiefstände vom Juli werden wohl kaum bald getestet werden
Optimisten gewinnen die Oberhand

Zumindest für ein paar Minuten erklomm der Dow-Jones-Index am Dienstag wieder die 9 000-Punkte-Marke. Das ist ein Zuwachs von 1 300 Zählern in sechs Wochen. Trotz einer Reihe von Unsicherheiten glauben Marktexperten, dass die Rally noch weitergehen kann - Unterbrechungen sind in den Überlegungen aber eingeschlossen.

CHICAGO. Denn die Börsen bleiben nervös, wie sich an den immer häufigeren Verschnaufpausen ablesen lässt. Schuld daran sind nicht nur Gewinnmitnahmen und die Furcht vor weiteren Bilanzskandalen - trotz Ablauf des Ultimatums zur Beeidigung der Firmenergebnisse. Eine Reihe wichtiger Konjunkturdaten am Ende der Woche und eine neue Rede von Notenbankchef Alan Greenspan sorgt zudem für Verunsicherung.

Ob das momentane Kursniveau der erste Schritt auf dem Weg nach oben ist oder bereits das Ende der Gewinnphase, entscheidet sich deshalb nach Meinung von Strategen erst in den nächsten Wochen. Viele Marktteilnehmer sind zudem noch in den Sommerferien, die in den USA traditionell erst Anfang September enden. Schließlich steht der erste Jahrestag der Terroranschläge unmittelbar bevor. Eine Reihe von Medien warnt vor der Gefahr neuer Anschläge am 11. September. Angesichts der Nervosität an den Börsen prophezeien einige wenige Pessimisten, dass sich in den USA in den kommenden Wochen die Tiefstände vom Juli wiederholen könnten. Tatsächlich fahren viele Aktien bereits seit einigen Jahren im September regelmäßig katastrophale Zahlen ein. In Kombination mit der Erinnerung an die Attentate im Vorjahr und der anhaltenden Unsicherheit am Markt könnten die Kurse deshalb erneut nachgeben.

Die meisten Experten rechnen allerdings nicht mit einem gravierenden Einbruch. "Unmittelbar vor dem Jahrestag werden einige Anleger bestimmt zögerlicher investieren", sagt Jeffrey Saut, Chef-Marktstratege bei Raymond James, "aber wenn keine neuen Ereignisse dazu kommen, kann sich die Rally danach fortsetzen." Auch Catherine Gordon von der Vanguard Group hält einen weiteren Aufwärtstrend für denkbar: "Es ist absolut möglich, dass der Markt bis zum 11. September Zuwächse im zweistelligen Bereich einbringt."

Thomas McManus von Banc of America sieht erste Zeichen der Entspannung bei den Investoren: "Die Anleger sind im Moment dabei, ihre defensive Haltung etwas aufzulockern", sagt der Stratege, "sie sind immer noch vorsichtig, aber möglicherweise können die Kurse einige der Verluste aus diesem Jahr wieder gut machen."

Für einen allmählich wieder erstarkenden Optimismus spricht auch die Zahl der verkauften neuen Eigenheime in den USA: Angetrieben von den niedrigsten Hypothekensätzen seit 30 Jahren stieg sie im Juli erstmals über eine Million und lag damit deutlich höher als von Experten erwartet. Aktien aus dem Bau- und Einrichtungsbereich wie Home Depot und Lowe?s stehen deshalb aktuell ganz oben auf der Kaufliste vieler Investoren. Dennoch warnen einige Experten vor einem Einstieg zum jetzigen Zeitpunkt: Die Preise seien inzwischen zu hoch, die Nachfrage nach Neubauten nehme dagegen schon wieder ab. "Es ist inzwischen einfach zu spät innerhalb des Branchenzyklus, um noch auf diese Aktien zu bauen", kommentiert Jeffrey Saut.

In der Analystengunst hoch oben rangieren statt dessen solche Branchen, die dem weiterhin hohen Sicherheitsbedürfnis der Amerikaner Rechnung tragen: Gesundheitsdienstleister wie Wellpoint Health Networks oder Neoforma etwa, Titel aus dem Versicherungssektor und von Restaurantketten. Außerdem rücken Geschenkartikel aller Art ins Blickfeld der Strategen - von Büchern bis zu Videospielen -, denn schließlich bereitet sich der US-Einzelhandel schon jetzt aufs nahende Weihnachtsfest vor.

Die Euphorie der Käufer, die sich in den vergangenen Wochen am Markt zeigte und den Dow-Index am Dienstag zumindest zeitweise wieder über die 9 000-Punkte-Marke hob, teilen die Analysten indes nicht. Ein Ende des Bärenmarktes sei noch nicht in Sicht, heißt es nahezu einstimmig bei den Experten. Anleger sollten sich daher darauf einstellen, ihre Fehleinkäufe schneller abzustoßen als in der Vergangenheit, rät Saut: "In den vergangenen Jahren haben die Gewinne aus guten Käufen immer die Verluste aus schlechten übertroffen, so dass die Anleger für ihre Fehler nicht büßen mussten. Doch heut zu Tage funktioniert diese Taktik leider nicht mehr."

Quelle: Handelsblatt

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