Tiere als Lernpartner
Du Ross, ich Boss - wie Manager führen lernen können

Wer Menschenführung lernen will, kann jetzt schon mal an Pferden üben: Weil die Tiere sofort auf Führungsfehler reagieren, sollen sie Managern im Seminar die richtige Balance zwischen Zuckerbrot und Peitsche vermitteln.

DÜSSELDORF. Gelangweilt schaut Tamino in die andere Ecke der Reithalle. Dass ein 1,90-Meter-Mann gerade versucht, ihn am Strick in seine Richtung zu zerren, beeindruckt den Wallach wenig. In seiner Herde ist schließlich er der Boss. Für Trainer Franz Schwarz ist sofort klar, wo das Problem liegt: "Sie haben seine Aufmerksamkeit nicht", erklärt er Andreas Eulitz, dem Mann am anderen Ende des Stricks. "So wird das Pferd Ihnen nicht folgen."

Die Situation ist ungewohnt für den Leiter einer Harzer Supermarktfiliale. Normalerweise führt Eulitz keine Vierbeiner, sondern rund 100 Mitarbeiter. Deshalb wurmt es den 38-Jährigen schon ein wenig, dass er ausgerechnet an einem Pferd zu scheitern droht.

Beim zweiten Anlauf geht?s dann besser: Eulitz strafft die Schultern, dreht dem Tier nicht mehr die Front, sondern die Seite zu - und plötzlich folgt ihm Tamino auch ohne Gezerre. Na also, die erste Lektion hat gesessen: Wer führen will, muss Vertrauen aufbauen und nicht nur Druck.

Was hier ausschaut wie eine Stunde Pferdeflüstern für Anfänger, ist in Wirklichkeit eines der ungewöhnlichsten Führungstrainings, die derzeit auf dem Markt sind: Tiere als Lernpartner, das hat den Reiz des Exotischen.

Pferde reagieren sofort

Warum ausgerechnet Pferde? "Das Pferd ist ein Spiegel, ein Medium, das mich auf Defizite in meinem Verhalten aufmerksam macht", sagt Franz Schwarz, Geschäftsführer des Beratungs- und Trainingsunternehmens Schwarz & Partner im bayerischen Petting. Als Fluchttier reagiere es sofort auf Führungsfehler, während ein beleidigter Mitarbeiter seinem Chef gegenüber vielleicht erst Wochen später mit der Sprache rausrücke.

In der Reithalle nahe Kloster Seeon am Chiemsee haben sich an diesem Nachmittag acht Männer und eine Frau versammelt. Nur einer von ihnen kennt sich mit Pferden aus, die meisten haben einen Heidenrespekt vor den großen Tieren. Aber alle wollen wissen, wie sie auf andere wirken, "wie authentisch ich bin in dem, was ich mit meiner Haltung ausdrücke" - so formuliert es einer der Teilnehmer.

Bevor es losgeht mit dem Seminar, stellt Franz Schwarz klar: "Ein Pferd ist kein Mensch, und das Pferd ist auch kein Mitarbeiter." Deshalb könne das Training den Managern auch nur Impulse geben, nur wunde Punkte in ihrer Kommunikation sichtbar machen.

Eines ist aber bei Pferden wie bei Menschen gleich: Nur wer es schafft, ihnen die richtige Balance zwischen Respekt und Vertrauen zu vermitteln, kann erfolgreich führen. Das Zauberwort heißt "Präsenz" oder "Energie", ist aber nichts anderes als die gute alte Körpersprache - auch wenn Co-Trainer Reinhard Mantler betont: "Um Energie auszustrahlen, braucht man nicht viel Körperbewegung, man muss sie nur gezielt einsetzen."

Mit Trockenübungen geht's los

Und so schauen die Teilnehmer staunend zu, wie Mantler den Haflingerwallach Justy mit einer Armbewegung, einer Drehung, manchmal nur mit einem Fingerschnipp durchs Viereck treibt. Im Schritt, Trab und Galopp, mal links-, mal rechtsherum läuft das Pferd - ohne Leine und wie ferngesteuert. "Unglaublich, ja Wahnsinn!" murmelt es aus der Gruppe. Niemand glaubt, so etwas jemals beherrschen zu können, zumal Mantler bei "Pferdeflüsterer" Monty Roberts gelernt hat.

Doch bevor es an die Pferdearbeit geht, stehen erst einmal Trockenübungen auf dem Programm. Da sieht man gestandene Manager Bälle werfen, sich gegenseitig abklatschen oder zu zweit als Pferdeimitat durch die Reithalle hoppeln, immer auf der Flucht vor der Peitsche eines Dritten. "Das sind alles Übungen, die Energie sichtbar machen sollen", erklärt Reinhard Mantler. Und tatsächlich: Schon nach wenigen Minuten wird deutlich, wer die Zaghaften sind und wer die Aggressiven.

Natürlich spüren das auch die beiden Tiere. Gestern, am ersten Seminartag, stand der Aufbau von Vertrauen zwischen Tier und Mensch im Vordergrund. Heute sollen die Teilnehmer zeigen, wie gut sie Druck aufbauen können. Druck? Die hilflose Gestik der Unternehmensberaterin ist nicht das, was Tamino unter Druck versteht. Jedenfalls ignoriert das Bayerische Warmblut sie geflissentlich, so verzweifelt sie auch mit den Armen wedelt.

Sozial- und Erlebnispädagoge Armin Ebersberger hat dagegen ein richtiges Erfolgserlebnis. Was ihm vorhin noch unmöglich schien, nämlich ein Lebewesen nur mit der Körpersprache zu beherrschen, gelingt ihm jetzt auf Anhieb. Und als Justy sogar mitten im Galopp wendet, nur auf eine energische Geste hin, strahlt der 31-Jährige stolz.

Zwischen Pferde- und Menschenführung gibt es viele Parallelen

Eine starke Ausstrahlung allein reiche jedoch nicht aus, um Pferde und Menschen zu führen, erklärt Trainer Franz Schwarz in der anschließenden Besprechung. Nur wer klare, eindeutige Signale setze, werde von seinem Gegenüber auch ernst genommen. Das musste Ebersberger gerade selbst erfahren: "Als draußen ein Hund bellte und ich für eine Sekunde nicht konzentriert war, lief Justy sofort langsamer."

Immer wieder zieht Schwarz Parallelen zwischen Pferde- und Menschenführung und hebt das Seminar damit über den reinen Erlebnis-Charakter hinaus. Ob er nun darauf hinweist, dass auch Menschen Streicheleinheiten brauchen, oder dass man Druck in vier Stufen aufbauen sollte - letztlich steht nicht das Verhalten der Pferde im Mittelpunkt, sondern das der Teilnehmer.

Deshalb geht es nach jeder "Pferdeeinheit" in den Seminarraum, wo die gröbsten Schnitzer per Video-Analyse diskutiert werden. Da muss sich Andreas Eulitz schon mal anhören: "Führen heißt freiwilliges Folgen. Am Strick kann man jeden zerren."

Was die Arbeit mit Pferden von anderen Manager-Trainings unterscheidet, ist die unmittelbare Erkenntnis der eigenen Fehler. "Ich habe selten ein so produktives Seminar erlebt", lobt Matthias Meyer, Key Account Manager bei Bahlsen, der im vergangenen Jahr ein firmeninternes Training mitmachte. "Von anderen Führungsseminaren habe ich weniger mitgenommen, weil sie nicht individuell auf die Teilnehmer zugeschnitten waren."

Die Idee stammt aus den USA

Erst seit zwei, drei Jahren ist diese Form des Trainings auch in Deutschland bekannt. Die Idee stammt aus den USA und kam im Zuge des Pferdeflüsterer-Booms nach Europa. Noch ist die Zahl der Veranstalter überschaubar. Neben Schwarz sind auch die Odenwälder Akademie G&K Horsedream, Horse'n'Coach in Bonn und sogar Lufthansa Consulting im Geschäft.

Bei der Auswahl des Seminars sollte man darauf achten, dass die Pferde nicht zu oft eingesetzt würden, rät Kirsten Kruck, Verhaltensforscherin am Max-Planck-Institut. "Sonst ist ihr Verhalten bald nicht mehr authentisch, sondern andressiert wie im Zirkus."

Vor allem aufgeschlossene, experimentierfreudige Führungskräfte hält Kruck für geeignet für ein solches Seminar. Voraussetzung sei die Bereitschaft, sein eigenes Verhalten in Frage zu stellen. Ein Wundermittel gegen Führungsschwäche sei die Arbeit mit Tieren aber nicht. "Es geht nur darum zu erkennen, ob mein Verhalten richtig oder falsch ist. Die Veränderung muss anschließend jeder selbst leisten."

Andreas Eulitz ist schon auf dem besten Wege dahin. Der Supermarktleiter, der "kein Problem mit Respekt, aber ein wenig mit Vertrauen" hat, erscheint seinen Mitarbeitern drei Tage nach dem Seminar wie verwandelt.

Beim morgendlichen Rundgang tadelt er jetzt nicht mehr, "Das Regal ist leer, Sie haben falsch disponiert", sondern lobt: "Sie hatten aber einen guten Abverkauf." Mehr Zuckerbrot, weniger Peitsche - das hat sich Eulitz für die Zukunft vorgenommen. "Ich hatte vergessen, dass man auch mit wenig Druck sein Ziel erreichen kann. Das Seminar hat mich wieder daran erinnert."

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