Tifosi-Invasion in Manchester
Viva Italia im Theater der Träume

Im Finale der Champions League mangelt es nicht an Stars, womöglich aber an Attraktionen.

MANCHESTER. Scott Dale rümpft die Nase und schüttelt energisch den rasierten Schädel. "Das hatten wir uns anders vorgestellt. Eine italienische Nacht in Old Trafford wollten wir nicht", sagt der Mann aus Norwich, bevor er das United-Museum unter der Nordtribüne betritt. Im United-Megastore hat er ein neues Beckham-Trikot und einen ManU-Schal erstanden. "Die Klamotten werde ich stolz im Stadion tragen. Das müssen die Italiener respektieren, wenn sie schon auf unserem Rasen spielen." Vor acht Wochen hat Dale auf Verdacht eins der 68 000 Tickets bestellt und den Zwei-Tage-Trip in den Norden gebucht. Aber nun muss der 26-Jährige ein Champions-League-Finale ohne Manchester United über sich ergehen lassen. Denn Old Trafford wurde zum Mekka der Tifosi.

Zum Duell zwischen Juventus Turin und dem AC Mailand werden sich 40 000 Fans der beiden Vereine versammeln. 200 000 Kartenanfragen aus Italien lagen vor. Zwei Tage lang herrscht auf dem Manchester-Airport Hochbetrieb. 400 Flugzeuge aus Norditalien müssen abgefertigt werden. "Sie sollen ordentlich spielen und nicht ihren Strategie-Fußball abspulen", sagt Dale, bevor ihn nochmal Wehmut befällt. Dass sein Verein nach zwei großen Partien schon im Viertelfinale gegen Real Madrid scheiterte, haben viele Engländer noch nicht überwunden. Der Plan lautete, dass die "Reds" im "Theatre of Dreams", wie Sir Bobby Charlton die Arena einst genannt hat, den Titelgewinn von 1999 wiederholen sollten.

Aber der Kfz-Mechaniker versichert, dass er standhaft bleiben will. Selbst wenn vor dem Höhepunkt der europäischen Vereinssaison italienische Fans die Schwarzmarktpreise auf 500 Euro hochtreiben werden, will er sein Ticket für die legendäre Westtribüne "Stretford End" nicht hergeben. "Es spielen bei Juve und Milan unheimlich viele Superstars. Vielleicht wird es ein unvergesslicher Abend."

Die Italiener sind überzeugt, dass es dazu kommen wird. Giovanni Trapattoni, der frühere Trainer des FC Bayern München und nun Nationalcoach der "Azzurri", gerät angesichts des ersten rein italienischen Aufeinandertreffens im Kampf um die potthässliche Henkel-Vase ins Schwärmen: "Es wird ein historisches Endspiel. Wir waren aus Europas Elite verschwunden, aber nun kann uns niemand mehr kritisieren." Nach der Enttäuschung für die Nationalelf bei der WM 2002 und den mäßigen Auftritten der Klubs in den Vorjahren stufen die Italiener die Rückkehr an die Spitze als Triumph ein, egal wer gewinnt.

Nicht wenige aber befürchten, dass das Finale eine langweilige Geschichte wird. Trapattoni sagt: "Wir haben eine andere Spielweise, aber auch andere Werte. Für uns zählen Ergebnisse." Das deckt sich mit den Aussagen der Topstars aus Turin und Mailand. Von Paolo Maldini, dem Kapitän des AC, bis Alessandro del Piero, dem Ausnahmekönner bei Juve, äußerten praktisch alle Beteiligten, dass ein 1:0-Sieg einem großem Triumph gleichkäme. Dabei genießt Milan durchaus den Ruf, bisweilen attraktiven Fußball zu spielen, während Juventus als Erfinder der ergebnis-orientierten Spielweise gilt. "Wir haben doch in den Halbfinals gegen Real gezeigt, dass dies nicht stimmt. Auch im Endspiel wollen wir zaubern", sagt Del Piero.

Gern laben sich die Italiener an den Geschichten, die um das Finale ranken. Da ist zum Beispiel Maldini, der mit 35 Jahren zum vierten Mal nach 1989, 1990 und 1994 den Pokal in die Hände bekommen kann und dessen Vater Cesare vor 40 Jahren gemeinsam mit Trapattoni die AC- Erfolgsserie eröffnete. Und da ist Clarence Seedorf, der als erster Spieler seinen dritten Champions- League-Titel mit jeweils einem anderen Klub gewinnen kann.

All das interessiert Scott Dale nur bedingt. "Nur für eine Nacht überlassen wir ihnen unser Stadion", sagt der Mann aus Norwich bestimmt. Die restlichen 364 Tage im Jahr gehört das "Theater der Träume" dann wieder ManU.

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