Tipps für besorgte Anleger
Airbags für Lebensversicherte

Rund 48 % der deutschen Anleger sorgen sich laut einer Forsa- Umfrage um ihre Lebensversicherung. 88,7 Millionen Verträge sollen den Versicherten eigentlich eine sorglose Zukunft garantieren. Aber durch die Kursstürze an der Börse sind auch die Lebensversicherer in Bedrängnis geraten. Doch besorgte Anleger müssen nicht machtlos zusehen. Versicherungsexperten zeigen im Gespräch mit Handelsblatt.com auf, was Versicherte im Versicherungsdschungel tun können und worauf sie achten müssen, um für sich persönlich das Beste herauszuholen.

HB DÜSSELDORF. Von "überstürztem Handeln" rät Elke Weidenbach, Referentin für Versicherung von der Verbraucherzentrale NRW, in jedem Fall ab. Der Ausstieg aus einem laufenden Vertrag sei in der Regel ein "schlechtes Geschäft", warnt die Versicherungsexpertin. Der Rückkaufswert, den die Versicherer im Kündigungsfall zahlen, sei meistens sehr gering, da Provisionen, Verwaltungskosten und Stornoabzüge am Gesparten zehren. Vor allem Vermittlungsprovisionen, die aus den Beiträgen der Versicherten fast immer gleich an die Vermittler gezahlt werden, lassen den Rückkaufswert schrumpfen. In den ersten Jahren nach Vertragsbeginn erhalte der Kunde deshalb bei Kündigung einer kapitalbildenden Lebensversicherung in vielen Fällen sogar gar kein Geld zurück.

Kündigung, Verkauf oder Beitragsfreistellung?


Daher sollte vor einem Ausstieg erst nach deutlich ergiebigeren Anlagen gesucht werden, rät Weidenbach. Erst dann ließe sich entscheiden, ob es Sinn mache, den jeweiligen Vertrag fortzuführen. Zur besseren Kalkulation sei es ratsam vom Versicherer eine Tabelle mit den aktuellen Rückkaufswerten anzufordern. So könne man vergleichen, ab welchem Zeitpunkt der Rückkaufswert der Summe der eingezahlten Beiträge entspreche.

Eine andere Möglichkeit ist, laut Weidenbach, der Verkauf der Police. Hierbei zahlt der neue Inhaber eine Art Abfindung und führt den Vertrag zu Ende. Der derzeit einzige Aufkäufer in Deutschland, Cash Life, wirbt damit, dass die von ihm geleistete Ablösesumme die Rückkaufwerte der Versicherer überbiete. Doch ist Cash Life nur an Policen von soliden Anbietern interessiert. Ob sich diese Variante für den Versicherten lohnt, hängt aber entscheidend von der Restlaufzeit ab. Von einem Verkauf kurz vor Ablauf des Vertrages rät Weidenbach in jedem Fall ab, da der Zinseszinseffekt in den letzten fünf Jahren den Schlussüberschuss in die Höhe pusche.

Wer nicht sofort an sein Geld kommen muss, aber keine weiteren Beiträge leisten möchte, für den bietet sich eine Beitragsfreistellung an. Das bisher gesammelte Geld wird nach einem Stornoabzug und Abschlusskosten in eine neue Versicherung umgewandelt. Der Vorteil besteht darin, dass so ohne weitere Einzahlungen die volle Vertragslaufzeit erreicht werden kann und somit nach zwölf Jahren die Steuerfreiheit der Kapitalerträge. Weidenbach weist jedoch ausdrücklich darauf hin, dass durch Beitragsfreistellung die Versicherungssumme auf die beitragsfreie Summe zurückgefahren wird. So entfallen auch Teile des Versicherungsschutzes. Erhält man anderweitig aus gesundheitlichen Gründen keinen Todesfall- oder Berufsunfähigkeitsschutz, will aber darauf nicht verzichten, muss man "gezwungenermaßen bei der jetzigen Versicherung bleiben". Im Vergleich zum Vertragsabbruch spricht ein weiteres Argument für eine Beitragsfreistellung. Aufgrund der jährlichen Verzinsung der beitragsfreien Summe erhält man am als Ablaufsumme am regulären Ende "auf jeden Fall mehr Geld als bei einem vorzeitigen Vertragsabbruch in Form einer Kündigung oder eines Verkaufes", weiß Stefan Gelhausen, Sprecher des Gesamtverbandes der deutschen Versicherer (GDV). Aber in den ersten drei Jahren der Vertragsdauer rechne sich diese Methode noch nicht, führt Versicherungsexpertin Weidenbach an.

Widerspruchsrecht teilweise auch möglich


Am elegantesten kommt der Versicherte mittels eines einjährigen Widerspruchrechts aus dem Vertrag heraus. Vorausgesetzt die Unterlagen mit den Versicherungsbedingungen und Verbraucherinformationen sind unvollständig und der Kunde wurde über das Widerspruchsrecht nicht informiert. Falls der Kunde von seinem Widerspruchsrecht wusste, beträgt die entsprechende Frist nur 14 Tage. Fehlen z.B. Angaben zu Rückkaufswerten, dem Namen und Sitz des Unternehmens, muss der Lebensversicherer alle Prämien ohne Abzug zurückerstatten. Nach Angaben des Bundes der Versicherten und den Verbraucherzentralen kommt dies in der Praxis relativ häufig vor. Gänzlich ohne Einbuße geht es für Versicherte mit frisch abgeschlossenen Verträgen, wenn sie innerhalb von 14 Tagen von ihrem Rücktrittsrecht Gebrauch machen. Wurden sie darüber nicht unterrichtet, steht ihnen sogar ein Monat Zeit für den Rücktritt zu.

Branchenkenner Poweleit: "Kein Handlungsbedarf"


Ob die Sorgen der Versicherten um ihre Altersversicherung gerechtfertigt sind, darüber gehen die Meinungen der Experten auseinander. Manfred Poweleit, der als Chefredakteur des Statistik- Dienstes map-report Reserven und Renditen deutscher Lebensversicherer genau unter die Lupe nimmt, sieht überhaupt keinen Grund, zu handeln. So sei es nicht ungewöhnlich, dass auch Lebensversicherer "mal ins Straucheln" geraten, dabei sei das Verlustrisiko für die Kunden in jedem Fall minimal. "Lieber heute als morgen" würde Poweleit als Anleger eine Lebensversicherung abschließen, da es sich immer noch um die "rentabelste und sicherste Anlageform" handle.

Festverzinsliche Wertpapiere als Alternative


Versicherungsexpertin Weidenbach dagegen rät den Kunden schon seit Jahren von kapitalgebundenen Lebensversicherungen ab. Gerade in konjunkturschwachen Zeiten sollte man stets an sein Geld gelangen können, meint Weidenbach. Daher empfiehlt sie zur alternativen Geldanlage festverzinsliche Wertpapiere, wo die Sparraten jederzeit ausgesetzt werden können.

Auffanggesellschaft soll Garantieleistungen künftig sichern


Die Versicherungsbranche nimmt die Sorgen ihrer Kunden durchaus ernst und hat weitere vertrauensbildende Maßnahmen ergriffen. Eine am vergangenen Montag beschlossene Auffanglösung soll künftig die garantierten Leistungen der Kunden sichern. So wird im Notfall eine neu gegründete Auffanggesellschaft die Bestände an Versicherungsverträgen von finanziell bedrängten Anbietern übernehmen, nicht jedoch die Anbieter selbst, wie eine GDV - Sprecherin versichert. Eine gemeinsame Arbeitsgruppe des GDV und von Vertretern der Finanzaufsicht soll in den nächsten Wochen weitere Details klären.

Was auch immer dabei beschlossen wird, Finanzexperten sind sich grundsätzlich einig, am besten und sichersten fährt sicherlich weiterhin derjenige, der sein Geld nicht nur in eine Anlageform gesteckt hat.

Service:

Individuelle Beratungen zu diesem Thema bieten der Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV), sowie die Verbraucherzentralen des jeweiligen Bundeslandes an. (www.vzbv.de)

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%