Tischtennis
Kleiner Spielball der großen Politik

Ein ganzes Jahr hat Timo Boll keinen Alkohol getrunken, um seinen großen Auftritt nicht zu gefährden. Heute ist es so weit, Olympia in China, Finale gegen den Gastgeber. Plötzlich gilt für den Gegner, was Boll nach seinem entscheidenden Fünfsatzsieg im 3:2-Halbfinalkrimi des deutschen Tischtennisteams gegen Japan über sich selbst sagte. "Ich wünsche keinem Menschen, dass er mit so einem Druck umgehen muss." China, haushoher Favorit, hat alles zu verlieren. Boll dagegen, seiner ersehnten ersten Olympiamedaille sicher, braucht heute nichts gewinnen, um seinen Ruf zu verteidigen. Allenfalls muss er gut ausschauen.

PEKING. In einer Umfrage wählten die Chinesen den zweifachen Europameister jüngst zum sexysten Sportler der Welt. Ihn, einen Tischtennisspieler. Aus Deutschland betrachtet, wo Pingpong zwar fast jedem die Pausen auf dem Schulhof vertrieb, dabei jedoch selten erotische Ausstrahlung bewies, mag das merkwürdig erscheinen. Aber in China ist Tischtennis mit rund 300 Millionen Spielern, davon rund zehn Millionen organisiert, die Sportart Nummer eins. Und seine Champions waren schon immer Helden der Massen.

Den Anfang machte Rong Guotuan Ende der 1950er-Jahre; er ist zuvorderst verantwortlich für die Popularität des Spielchens mit dem kleinen Ball. Tischtennis wurde nämlich keineswegs von einem Chinesen namens Ping Pong erfunden, wie man vielleicht denken könnte. Die meisten Historiker schreiben seine Entstehung vielmehr der englischen Upper Class zu, die nach Wegen suchte, auch bei dem landesüblichen Regenwetter dem Tennisspiel frönen zu können. Als Ende des Jahrhunderts erstmals Zelluloid-Bälle verwandt wurden, entstand ob ihres Geräusches auf der Platte der Begriff Pingpong. Wie so viele Sportarten trugen die Briten das Tischtennis dann um die Welt, etwa nach Hongkong, wo es später Rong Guotuan erlernte.

1957 siedelte Guotuan nach China über, zwei Jahre später gewann er in Dortmund die WM. Es war der erste internationale Sporttitel überhaupt für einen Chinesen und zu Hause ein Erweckungserlebnis vergleichbar dem "Wunder von Bern" für die Deutschen. Worauf die Kommunistische Partei das Spiel als Propagandavehikel entdeckte - Mao soll Guotuans Sieg als "spirituelle Atombombe" bezeichnet haben. Die nächste WM fand in Peking statt. Es folgten Jahrzehnte der Verquickung von Politik und Tischtennis.

Seite 1:

Kleiner Spielball der großen Politik

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%