Titel als Krönung eines tollen Jahres blieb ihm verwehrt
„Das wäre Marktwirtschaft light“

Michael Ballack, der im Jahr 2002 im deutschen Fußball zum Superstar avancierte, spricht im Handelsblatt-Interview über die WM 2002, vier zweite Plätze und die Kirch-Krise - und macht klar, dass er von einer Gehaltsobergrenze wie in den USA gar nichts hält.

Herr Ballack, Sie haben 2002 vier Vizetitel geholt: in der Bundesliga, im DFB-Pokal, in der Champions League und bei der WM. Welcher war der schönste, welche der gemeinste?

Die waren alle gemein (lacht). Die Vizeweltmeisterschaft wertet man natürlich am ehesten als Erfolg - vor allem unter diesen Voraussetzungen. Dass wir uns die Meisterschaft aus der Hand nehmen ließen, war die größte Enttäuschung. So wie wir die Saison gespielt und uns präsentiert haben, waren wir die dominierende Mannschaft.

Und das verlorene Champions-League- Finale gegen Real Madrid?

Das war nicht so schlimm, denn ein Sieg war da nicht unbedingt zu erwarten. Wir haben zwei Wochen lang die verpatzte Meisterschaft mit uns rumgeschleppt. Als Meister hätten wir vielleicht den Pokal und die Champions League geholt.

Haben denn die vier Titelträger verdient gewonnen?

Ich denke schon, dass Brasilien verdient Weltmeister geworden ist. Dortmund, also da von verdient zu sprechen, ich weiß nicht. Die haben nun mal gewonnen, und wir haben gratuliert. Wer oben steht, war der Beste der Saison. Wir waren selbst schuld.

Gibt es dennoch einen Moment, an den Sie sich besonders gern erinnern?

Als wir nach der WM wieder nach Hause gekommen sind und gefeiert wurden - das war schon toll.

Sie waren im Finale gesperrt. Wie präsent ist bei Ihnen noch das Gefühl, auf der Bank sitzen zu müssen?

Eigentlich weniger. Man ist auch auf der Bank viel zu konzentriert, um sich da groß Gedanken zu machen. Klar hätte ich es gerne auf dem Platz erlebt. Im Nachhinein habe ich aber wenig Finalszenen, an die ich mich erinnere.

An welche denn?

Wenn der Olli (Neuville) den Freistoß reingemacht hätte. Doch der Torwart lenkt ihn an den Pfosten. Die Szene spukt mir noch oft durch den Kopf - wenn der drin gewesen wäre! Aber es ist auch schön, wenn man in Zukunft noch was gewinnen kann.

Vor und nach der WM gab es Diskussionen zwischen Spielern, Vereinen und dem DFB um die Marketingrechte der Spieler.

Klar, der Verein hat Sponsoren, die Nationalelf auch. Trotzdem muss man sich als Spieler nicht völlig verkaufen. Wenn jemand mit dir werben will, sollte der das auch können. Es ist ein schwieriges Thema, weil sich das immer wieder überschneidet. Zum Beispiel sollte den Spielern die Wahl der Schuhe freistehen. Ich denke, dass es auch in diese Richtung gehen wird.

Nach der WM wechselten Sie von Leverkusen zum FC Bayern. Was fällt ihn als Erstes ein, wenn sie die beiden Vereine vergleichen?

Die Medienpräsenz und die Fans. Es ist alles ein bisschen größer und umfangreicher. Wenn man in Leverkusen nach dem Training rausgegangen ist, dann stand meist niemand da. In München ist das anders, da hat man eigentlich nie seine Ruhe. Zudem sind die Erwartungen natürlich höher.

Wie bitter war das Ausscheiden in der Champions League mit München?

Das trifft mich sehr. Ich kam auch deshalb nach München, weil man dort eher internationale Titel gewinnen kann. Das haben wir schnell ad acta gelegt. Nun haben wir ein halbes Jahr Ruhe - leider. Aber es ist auch schön, in der Liga oben zu stehen.

Gab es vergangene Saison einen Wendepunkt, ab dem Leverkusen als Verein und sie als Spieler von den Medien anders wahr genommen wurden?

Ich denke, der Knackpunkt war das Viertelfinale gegen Liverpool. Danach gehörten wir zu den besten vier Teams in Europa. Da stieg auch das Interesse der ausländischen Medien gewaltig.

Wurden Sie anschließend auch persönlich anders in den Medien dargestellt?

Leider werden Spieler nach dem Erfolg der Mannschaft kritisiert und charakterisiert. Wenn du Erfolg hast, wirst du auf einmal als Spieler anders gesehen, obwohl man sich gar nicht verändert hat. Das ist schade. Spieler sollten differenziert betrachtet werden.

2002 stand im Zeichen der Kirch- Krise. Wie spüren Sie als die Spieler die Auswirkungen?

Das hängt auch davon ab, ob man bei einem wirtschaftlich gesunden Topverein spielt oder bei einem abstiegsbedrohten Klub, der finanziell zu kämpfen hat. Die Spieler dort sind stärker betroffen. Aber es war natürlich auch bei uns ein Thema, als es sehr aktuell war.

Was halten Sie von einem freiwilligen Gehaltsverzicht der Spieler?

Wenn sich Spieler bereit erklären, Kompromisse einzugehen, ist das ihre Sache. Für die Situation der Vereine können wir im Endeffekt aber nichts.

Wer trägt denn die Hauptschuld?

Die Manager, die Medien - die den Fußball allgemein verkaufen, hier speziell die Kirch-Gruppe - haben falsch kalkuliert. Das auf dem Rücken der Spieler auszutragen, wäre falsch.

Wie stehen Sie zu einer Gehaltsobergrenze wie in den USA?

Als Spieler, der auch relativ gesehen gut verdient, habe ich da natürlich was dagegen. So etwas wäre Marktwirtschaft light. Warum sollte man das begrenzen? Das gibt es in keinem Wirtschaftszweig. Jeder Zweig kann sich entwickeln wie er will und entsprechend finanziellen Gewinn machen.

Wie könnte eine Lösung aussehen?

Die Vereine brauchen nur zu sagen: "Ich zahl dir das nicht." Wenn das alle machen, dann muss der Spieler nachgeben. Wenn es aber der eine Klub macht und der andere nicht - da kann der Spieler ja nichts für.

Haben die Fußballer zu viel verdient?

Sicherlich ist bei den Gehältern eine Grenze erreicht, die diskutierbar ist. Jedoch muss man unterscheiden zwischen Topspielern und weniger guten Spielern. Aber das ist Sache des Vereins. Die Klubs sollen nicht immer sagen: Wir mussten so viel zahlen. Wenn man Probleme hat, dann setzt man nicht solche Verträge auf.

Zuletzt waren oft die gleichen Klubs vorn. Nimmt der Trend zur Zwei-Klassengesellschaft in der Liga zu?

Überhaupt nicht. Am Saisonende setzten sich zwar immer die Besten durch. Entscheidend aber ist, ob in einem Spiel der Schwächere den Starken schlagen kann. Und das ist gegeben.

Wäre nicht eine größere Umverteilung zwischen den Vereinen sinnvoll?

Ganz und gar nicht. Es ist eine billige Ausrede: "Denen geht es wirtschaftlich am besten, die kaufen sich die Erfolge." Das ist völliger Quatsch. Beim Fußball spielen so viele Faktoren eine Rolle. Zudem soll es doch nicht so sein, dass jeder gleich ist. Das System hatten wir in der DDR - das muss ja nicht mehr sein.

Die Fragen stellte Marc Thylmann

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