Titel später billiger einsammeln
Euphorie bei Neuemissionen ist Geschichte

Noch im Frühjahr 2000 jagte halb Deutschland dem Glück mit Neuemissionen hinterher. Junge Aktien wie die der Siemens-Tochter Infineon versprachen Blitzgewinne von 100 %. Selbst Titel kleinerer Newcomer waren hoffnungslos überfragt. Die Euphorie über brillante Börsendebüts ist aber längst bitterer Ernüchterung gewichen.

ap MÜNCHEN. Der gesamte Markt liegt am Boden. Statt fetter Gewinne gehören massive Verluste direkt nach der Erstnotiz zum Alltag - wenn sich überhaupt noch eine Firma aufs Parkett traut, ob am Neuen oder "alten" Markt.

Tief enttäuschte Kleinanleger haben einfach keinen Nerv mehr fürs Aktien zeichnen. Kaufaufträge für IPO's (Initial Public Offering) tröpfeln nur noch spärlich bei Banken und Discountbrokern ein. Wer in diesen unsicheren Zeiten als Laie auf ein neues Pferd an der Börse setzt, braucht tatsächlich Nerven wie Drahtseile. Und unglaublich viel Mut. Denn ein Gewinn ist in den vergangenen Monaten so gut wie nie drin gewesen. Garantiert waren eher Verluste.

Im Schnitt büßten Anleger bei den letzten 20 Neuemissionen 22,75 % ein, wie Discountbroker Consors in Nürnberg berechnet hat. Kein Wunder, dass die meisten ihre Depots auf Eis legen und auf bessere Zeiten warten. Dass sich auch Fondsmanager extrem vorsichtig verhalten, wiegt schwer. Von ihren riesigen `Einkäufen" ist in der Regel der Erfolg einer Emission abhängig.

Nicht zeichnen, sondern Titel später billiger einsammeln

Ganz unerschrockene Börsianer weichen auf folgenden neuen Trend aus, wie die DAB-bank, ehemals Direkt Anlage Bank, in München bestätigt: Nicht zeichnen, sondern lieber etwas später Titel solider Neulinge noch billiger einsammeln. "Auf diese Weise haben sehr Mutige dann vielleicht in einigen Jahren richtig erfolgreiche Werte im Depot", meint auch Lothar Weniger, Börsenbeobachter der Deutschen Genossenschaftsbank (DG) in Frankfurt am Main.

IPO-Top/Flop

Doch diese Taktik verschärft die Situation der Neulinge am Parkett noch einmal. Keine Nachfrage, kein Gewinn. Weder für Anleger, noch für Unternehmen, die bei Börsengängen immer auf möglichst viel frisches Kapital hoffen. Nahezu alle Firmen, die sich 2001 überhaupt aufs Parkett wagten, schmierten ab. Viele Kandidaten kamen mit dem ersten Kurs nicht einmal an den Ausgabepreis heran. Hatte jemand beispielsweise Ende Juni den Titel des Haarpflegespezialisten Essanelle gezeichnet, waren schon wenige Tage später 34 % des Geldes futsch. Nur zwei Neulinge am Markt, eine Solartechnologiefirma und ein Laserspezialist, bescherten ihren Anlegern zumindest am ersten Tag ein dickes Plus.

"Der gesamte Markt steht und fällt mit weiteren Gewinnwarnungen"

Wegen der verheerenden Lage verlieren immer mehr Unternehmen den Schneid. So verschoben der erfolgreiche bayerische Medizintechnik-Spezialist Brainlab wie auch der schwäbische Holzmaschinenhersteller Lignum kurzerhand ihre für Anfang Juli geplanten "Coming-Outs". Im vergangenen Jahr drängten noch 133 Firmen allein an den Neuen Markt, wie eine Studie der DG-Bank belegt. In diesem Jahr wurden dort nicht einmal ein Dutzend gelistet.

Dass die Zeichnungseuphorie von 1999/2000 einmalig bleiben und Börsengeschichte schreiben wird, davon ist Lothar weniger überzeugt. Eine Wiederholung dieses Riesenansturms sei unwahrscheinlich. "Die Leute haben gelernt und werden in Zukunft nicht mehr total euphorisch und wahllos kaufen", betont der Experte. Er sei zuversichtlich, dass das Tal der Tränen vorbei sei, sobald der Markt wieder anspringe. "Dann werden wir wieder ein solides Emissionsgeschäft haben." Seine Prognose für die zweite Jahreshälfte: Der gesamte Markt steht und fällt mit weiteren Gewinnwarnungen. Bis zum Jahresende ist aber mit steigenden Kursen zu rechnen.

Als nächstes will der Anbieter von Telematik- und Zahlungsystemen für Busse und Bahnen, Init AG, am 24. Juli seine Aktien am Neuen Markt der Frankfurter Wertpapierbörse notieren lassen. Insgesamt rechnet Aktienstratege Nietzold mit höchstens zehn Börsengängen bis Ende des Jahres.
Init AG hält am Börsengang fest



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