Titel zu Islam stark gefragt
Afghanistan-Krieg beherrscht Buchmesse

Traditionell eröffnet der Kanzler die Frankfurter Buchmesse. Natürlich wird Gerhard Schröder heute Abend zusammen mit dem griechischen Präsidenten Konstantinos Stephanopoulos der weltgrößten Bücherschau seinen Segen geben. Doch die Routine trügt: Aus Angst vor Anschlägen wurden die Sicherheitsvorkehrungen stark verschärft.

DÜSSELDORF. Buchmessen-Chef Lorenzo Rudolf geht allerdings davon aus, dass die Messe kein großes Gefahrenpotenzial als Angriffsfläche darstellt. Hingegen Griechenland als Gastland der Buchmesse rückt angesichts der US-Attacken in den Hintergrund.

Rund 70 Verlage aus Hellas werben in einem eigenen Pavillon für die kaum bekannte griechische Literatur. Beispielsweise lädt der Frankfurter Suhrkamp Verlag zu Lesungen mit so prominenten Autorinnen wie Ionna Karystiani und Rhea Galanaki ein. Griechische Lyrik, die sowieso nur schwer zu übersetzen ist, bleibt jedoch in solchen Zeiten schnell auf der Strecke. Derzeit beschäftigt Verlage und Leser die Auseinandersetzung mit dem Islam. "Ich glaube nicht, dass Griechenland als Gastland stark wahrgenommen wird. Der Fokus liegt jetzt auf islamische Kultur", erklärte gestern die Claudia Uhr, Sprecherin des Münchner Verlages Gräfe und Unzer.

In diesem Jahr kein heiterer Branchentreff

7000 Aussteller aus 110 Ländern werden vom 10. bis 15. Oktober in der Mainmetropole erwartet. Noch haben nur ein paar dutzend Verlage abgesagt; die meisten aus den USA. Eines steht jetzt schon fest: Die 53. Buchmesse wird zweifellos kein heiterer Branchentreffpunkt. Die Buchbranche ist alles andere als in Feierlaune. So verzichtet der Gräfe und Unzer Verlag GmbH, München, auf seine "Feinschmecker-Party" in der Frankfurter Commerzbank, dem höchsten Bürogebäude Europas. Die Novellierung der Urheberrechts, der laufende Kampf um die Buchpreisbindung, die Konzentration im Handel, aber vor allem die Wirtschaftsflaute macht Verlegern und Händlern zu schaffen.

Im letzten Jahr setzte der deutsche Buchmarkt rund 18,4 Milliarden Mark um. Doch die Steigerung von 2,1 % entpuppte sich in der Praxis als Nullwachstum. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V. erwartet für dieses Jahr knapp 1,5 % Wachstum im Buchhandel und 2,2 % für die gesamte Buchbranche. Alles hängt jetzt vom Weihnachtsgeschäft ab. Trotz optimistischer Prognosen bleibt Kostendruck in der Branche groß. Die Konsolidierung bei Verlagen und Handel geht weiter. Die Fusion der Buchhandelsketten Phönix und Thalia zur größten Kette in der Deutschland ist dafür ein Beleg. Vor allem die Vertriebsstrukturen im Buchhandel verändern sich. Noch dominiert der Sortimentsbuchhandel mit knapp 59%. Doch der Anteil des klassischen Buchhandels ging leicht zurück.

Ratgeber zu Rente, Immobilien und Karriereplanung gefragt

Jährlich werden allein in Deutschland mehr als 80000 neue Bücher hergestellt. "In Zeiten der Verunsicherung ist das Buch wieder besonders stark gefragt", sagte gestern Börsenvereins-Sprecher Eugen Emmerling. Wirtschaftsbücher hätten weiter Konjunktur. Jedoch seien keine Ratgeber zu Aktien, sondern Informationen zu Rente, Immobilien und Karriereplanung gefragt.

Waren noch letztes Jahr Bücher zu den Themen wie Reisen beliebt, so sind es in diesem Jahr vor allem Titel zum Islam. "Die Auseinandersetzung mit fremden Kulturen war schon vor dem Terroranschlag in", erklärte Börsenvereins-Sprecher Emmerling. Der Münchner Verlag C.H. Beck oHG profitiert von diesem Branchentrend. "Wir stellen eine erhöhte Nachfrage zum Thema Islam fest", sagte Beck-Sprecher Alexander Seelos. Selbst für das über 1000 Seiten dicke Buch mit dem sperrigen Titel "Der Islam in der Gegenwart" des bekannten Orientalisten Udo Steinbach besteht eine hohe Nachfrage. Für die geistige Auseinandersetzung mit dem Islam ist der 1763 gegründete Verlag mit populärwissenschaftlichen Bänden gut gerüstet. Andere Verlage reagieren spontan auf den Krieg. So wird der Rowohlt Verlag, Reinbek, ein Sammelband mit Hintergründen und Folgen herausbringen. Unter den Autoren sind Schriftsteller wie Ralph Giordano, Rolf Hochhuth oder John Updike.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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