TMT-Aktien verlieren seit März 2000 über 75 Prozent
Investoren setzen auf Lebensmittel und Tabak

Die langjährige Baisse zieht fast alle Branche nach unten. Nur Aktien der Zigaretten-Hersteller reißen mit einem Gewinn von 200 Prozent nach oben aus. Anleger, die vom Aufschwung überzeugt sind, sollten auf Telekommunikations- und Bankenwerte setzen. Wer der Börse dagegen misstraut, ist bei Energie und Lebensmitteln gut aufgehoben.

DÜSSELDORF. Technologie, Medien und Telekommunikation haben die Aktienmärkte lange Zeit auf Talfahrt geschickt. Die Performance der drei Branchen ist so miserabel, dass TMT zu Recht als Inbegriff der Baisse gilt. Doch zuletzt wandelte sich das Bild, wie eine Auswertung aller Sektoren in verschiedenen Zeiträumen zeigt: In den vergangenen Monaten verloren mit Ausnahme der zuvor arg gebeutelten Telekommunikation alle Branchen kräftig an Wert. Defensive Aktien, die sich bislang dem Sog widersetzt hatten, büßten innerhalb weniger Wochen zweistellig an Wert ein.

Wenn die Branchenrotation - ein Sektor verliert nach dem anderen - von einem Ausverkauf auf breiter Front abgelöst wird, sprechen Techniker von einem Sellout-Indikator. Dieser signalisiert, dass der Abschwung zumindest vorübergehend stoppt. Der V-Dax-Index - er misst die erwarteten Kursschwankungen im Deutschen Aktienindex in den nächsten 45 Tagen - von knapp 50 gibt ebenfalls Zeichen für ein Ende des "Ausverkaufs".

Unter Strategen gehen die Meinungen allerdings weit auseinander, ob nach dem Ausverkauf auch die zweieinhalbjährige Baisse zu Ende geht. Je nachdem, ob Investmenthäuser dem optimistischen oder pessimistischen Lager zuneigen, empfehlen sie defensive oder zyklische Aktien zum Kauf.

Die "Bullen" heben die niedrige Bewertung hervor und verweisen auf die Kurs-Gewinn-Verhältnisse der Aktien - gemessen an den Gewinnen in diesem und nächsten Jahr. Aktuell liegen die Werte unter dem Durchschnitt der vergangenen 15 Jahre. Auch die gestiegene Dividendenrendite macht Aktien gegenüber Festgeld und Anleihen angesichts niedrigen Zinsen und Renditen attraktiv.

Derart "bullish" sind Schroder Salomon Smith Barney (SSSB) und Morgan Stanley. Die Investmenthäuser setzen auf einen Konjunkturaufschwung und glauben nicht, dass die Wirtschaft einknickt bzw. in eine zweite Rezession schliddert (Double Dip). Entsprechend favorisiert Ben Funnell von Morgan Stanley solche Branchen, die von einem Konjunkturaufschwung besonders profitieren. Dazu gehören Telekommunikations- und Bankenwerte. Ebenso wie Morgan Stanley sieht SSSB Banken und Versicherungen günstig bewertet. Auch den Technologie-Aktien prophezeit SSSB gute Aussichten, nachdem die Branche drei Viertel ihres Wertes verloren hat.

Wer unentschieden ist, die Börsen also nicht viel weiter fallen, aber auch nicht nachhaltig steigen sieht, sollte nach Ansicht von HSBC wenigen Titeln ausgewählter Branchen vertrauen: Chemie/BASF ("profitieren als eines der ersten Unternehmen von einem Konjunkturaufschwung"), zyklischer Konsum/TUI ("günstig bewertet, Bedingungen für Reiseveranstalter bessern sich"), Energie/Eni ("starke Bilanz, Fusionskandidat, defensiver Wert").

Wer dagegen eine Erholung der Börsen nach dem Ausverkauf nur als Episode in der nicht ausgestandenen Baisse sieht, konzentriert sich auf defensive Branchen wie Energie und Pharma. Diese Sektoren verloren seit Beginn der Baisse im März 2000 am wenigsten. Der Bereich Lebensmittel/Nahrungsmittel konnte in diesen schwierigen Zeiten sogar knapp 10 % zulegen. Tabak-Aktien, die zu diese Branche gehören, verdreifachten sich. Investoren bevorzugen solche Sektoren, weil die Unternehmen kontinuierlich Gewinne erwirtschaften, krisenresistent sind und meist viel Dividende ausschütten.

Anko Beldsnijder von Griffin Capital Management vertraut dieser "kontrollierten Defensive". Er glaubt zwar ebenso wie die Optimisten, dass europäische Aktien unterbewertet sind, hält die Anleger angesichts vieler latenter Krisen - Vertrauensverlust nach Bilanzfälschungen, drohender Irak-Krieg, Angst vor neuen Terroranschlägen - für sehr risikoscheu. Deshalb meidet Beldsnijder Zykliker aus der Chemie und Finanzdienstleister. Diese leiden unter der Terrorangst und dem Börsenverfall gleich doppelt: Schäden müssen beglichen und in Aktien angelegte Versicherungsgelder niedriger bilanziert werden.

Wer indes wie Pimco-Fondsmanger William Gross Aktien unverändert für viel zu hoch bewertet hält und einen Dow-Jones-Index von 5 000 Punkten prophezeit, verzichtet am besten auf ein Börsen-Investment. Sein prognostizierter Verfall um weitere 40 % hieße, dass die Baisse ihren Höhepunkt noch vor sich hat. Denn bislang verlor der Dow erst 27 %. Szenarien a la Gross, dessen Betätigungsfeld Anleihen sind, könnten sich auch defensive Aktien ganz sicher nicht entziehen.

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