"Tod eines Kritikers"
Suhrkamp entscheidet am Mittwoch

Martin Walsers Hausverlag Suhrkamp will an diesem Mittwoch über die Veröffentlichung des umstrittenen Walser-Romans "Tod eines Kritikers" entscheiden.

dpa FRANKFURT/MAIN. Das Manuskript war wegen Antisemitismus-Vorwürfen in die Kritik geraten. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" hatte mit dieser Begründung den Vorabdruck des Werks abgelehnt und damit eine bundesweite Diskussion ausgelöst.

Da Verleger Siegfried Unseld krank ist, liegt die Entscheidung über das Buch formal bei Verlagsleiter Günter Berg. Er stimmt sich nach Verlagsangaben dabei jedoch mit der Suhrkamp-Führungsspitze ab. Unseld-Ehefrau Ulla Berkéwicz werde die Entscheidung in jedem Fall mittragen, hieß es. Sie halte das Walser-Buch nicht für antisemitisch. Ursprünglich hatte die Entscheidung schon am Montag fallen sollen, jedoch hatten sich sowohl der Autor als auch der Verlag weitere Bedenkzeit gewünscht.

"Veröffentlichung ja, aber nicht bei Suhrkamp"

Der in dem Buch karikierte Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki hatte sich am Montag für eine Veröffentlichung ausgesprochen, allerdings nicht bei Suhrkamp. Auch das Präsidiumsmitglied des Zentralrats der Juden, Salomon Korn, sagte der dpa, das Buch solle "selbstverständlich" erscheinen, aber nicht beim angesehenen Suhrkamp Verlag. "Es wäre fatal, Walsers krude und unerträgliche Gedanken durch den Namen Suhrkamp zu adeln", sagte Korn.

Dagegen hatte der Vorsitzende des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS), Fred Breinersdorfer, Suhrkamp aufgefordert, den Roman trotz der Antisemitismus-Vorwürfe zu veröffentlichen.

"Kritik nicht vor Veröffentlichung"

Der Präsident des deutschen PEN-Zentrums, Johano Strasser, kritisierte die Form der Diskussion. Das Spiel von Kritik und Gegenkritik könne seine aufklärende Wirkung nur dann entfalten, wenn der Gegenstand, in diesem Fall das Walsersche Buch, öffentlich zugänglich sei. "Es ist sicher fragwürdig, ein Buch zu kritisieren, das noch gar nicht erschienen ist", sagte Strasser am Dienstag der dpa. Er halte nichts davon, die Leser für unmündig zu erklären. "Es spricht wenig dafür, dass Kritiker vorurteilsfreier und unbefangener urteilen als der Durchschnittsleser."

Walser hatte unterdessen der österreichischen Wochenillustrierten "News" (Donnerstagausgabe) gesagt, er überlege nach Österreich umzuziehen. Die Antisemitismus-Debatte rund um sein neuestes Werk "weckt in mir den Wunsch, mich außerhalb dieser Grenze zu begeben", sagte der am deutschen Bodenseeufer lebende Walser. "Ständig denke ich: Nichts wie weg. Entfernung würde helfen." Walsers bisherige Romane sind bei Suhrkamp erschienen. Der Autor und Unseld sind seit Jahrzehnten eng befreundet.

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