„Todesgruppe“ C
Wie aus einer anderen Zeit

Nur die Animositäten erinnern noch an vergangene Größe: Frankreich und Italien kämpfen heute gegeneinander um ihre letzte Chance bei der Euro 2008. Die Partie bezieht ihr Feuer also nicht allein aus der Tabellensituation der "Todesgruppe" C, sondern gleichfalls aus lange gehegten, persönlichen Animositäten.

VEVEY. Die italienische "Nazionale" hatte noch nicht einmal ihr Euro-Quartier in Maria Enzersdorf bezogen, da schickte Gennaro Gattuso bereits ein erstes Grußwort Richtung Frankreich: "Domenech ist ein Idiot."

Womit er nur wiederholte, was er bereits beim jüngsten Aufeinandertreffen beider Teams beim Euro-Qualifikationsspiel im August vorigen Jahres über den französischen Nationaltrainer befand. Damals hatte Raymond Domenech vor der Partie an eine U-21-Begegnung aus dem Jahr 1999 erinnert und behauptet, der Schiedsrichter sei von den Italienern bestochen worden: "Dass in Italien Spiele verschoben werden, ist ja bekannt." Worauf die Uefa Domenech zum müden 0:0 seiner Equipe auf die Tribüne des Mailänder San-Siro-Stadions verbannte. Als vor dem Anpfiff die Marseillaise ertönte, buhten und pfiffen die italienischen Tifosi so lautstark, dass die französische Hymne nicht mehr zu erkennen war.

Nun könnte Gattuso unterstellt werden, dass sich seine Erlebnisse mit dem italienischen Fußball gar nicht so grundlegend von denen Domenechs unterscheiden. Hatte der italienische Mittelfeldmotor von Milan doch in besagtem August gerade eine Saison hinter sich gebracht, in die sein Klub wegen Verwicklungen in den Manipulationsskandal mit Minuspunkten starten musste. Was aber das erwähnte U-21-Spiel angeht, so gibt sich Gattuso überzeugt, dass alles mit rechten Dingen zuging.

Immerhin stand er selbst auf dem Platz - wie drei weitere aktuelle italienische Nationalspieler: Gianluca Zambrotta, Massimo Ambrosini und Andrea Pirlo. Dessen Siegtor verhinderte damals die Teilnahme der "Bleus" bei den Olympischen Spielen in Sydney. Auch bei den Franzosen liefen mit Thierry Henry, Willy Sagnol und William Gallas einige Stars von heute auf. Und ihr Trainer hieß Raymond Domenech.

Die heutige Partie bezieht ihr Feuer also nicht allein aus der Tabellensituation der "Todesgruppe" C, sondern gleichfalls aus lange gehegten, persönlichen Animositäten. Diese fanden ihren symbolhaften Höhepunkt im von Marco Materazzi provozierten Kopfstoß Zinedine Zidanes beim WM-Finale in Berlin. Frankreich unterlag im Elfmeterschießen, und Domenech hatte den Stoff für seine ganz private "Kopfstoßlegende" gefunden. Auch wenn Zidane mittlerweile zurückgetreten ist und der formschwache Materazzi nur auf der Bank sitzen wird: Die Franzosen sinnen auf Wiedergutmachung. "Das wird eine Schlacht", kündigt Franck Ribéry an. "Wir können uns wenigstens noch an Italien rächen", sagt Mittelfeldspieler Claude Makelele.

Wenigstens - weil nur eine Niederlage oder ein Remis der Rumänen gegen Holland seiner Mannschaft überhaupt noch den Einzug in das Viertelfinale ermöglichen würde. Den Italienern geht es nicht viel besser, und so verdecken die verbalen Rangeleien nur die erschreckenden Gemeinsamkeiten zweier Teams, die vor Turnierbeginn noch als Titelkandidaten gehandelt wurden. Mit jeweils nur einem Punkt aus den ersten beiden Partien stehen sie vor dem Aus.

Die Ursache dafür liegt vor allem in der verlorenen Solidität ihrer Abwehrreihen, dem einstigen Markenzeichen beider Mannschaften. Konnten sie vor zwei Jahren noch wegen der Überlegenheit ihrer Defensive ins WM-Finale einziehen, präsentierten sich die Verteidigungen bei dieser EM äußerst löchrig - auch weil die beiden Kapitäne verletzt fehlen, Italiens Abwehrchef Fabio Cannavaro und Frankreichs Defensivstratege Patrick Vieira.

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