Tonnenweise Dokumente vernichtet
Andersen-Schicksal schon vor Gerichtsurteil praktisch besiegelt

Seit vergangenen Dienstag läuft der Prozess gegen das Unternehmen wegen Justizbehinderung im Pleiteskandal Enron. Doch das Schicksal des Unternehmens scheint den meisten Beobachtern längst besiegelt.

dpa WASHINGTON/HOUSTON. Warum erklärt die Buchprüfungsfirma Andersen nicht einfach den Bankrott?, fragte die amerikanische Wirtschaftszeitung BusinessWeek provokativ. Hunderte lukrativer Kunden wie zuletzt die deutsche Softwarefirma SAP haben der Firma den Rücken gekehrt und Partner in aller Welt streben in Scharen zur Konkurrenz.

In dieser Woche will die Anklage ihren mit Spannung erwarteten Kronzeugen präsentieren: David Duncan, den gefeuerten Andersen- Partner, der im Gegenzug für Strafmilderung in eigener Sache gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber ins Feld ziehen will. Duncan war für die Buchprüfung des im Dezember Bankrott gegangenen Energieriesen Enron zuständig. Er vernichtete im Herbst tonnenweise Dokumente, als eine Prüfung der Börsen- und Wertpapieraufsicht (SEC) abzusehen war. Duncan habe im Alleingang gehandelt, behauptet Andersen. Die Anklage will dagegen beweisen, dass die Aktenvernichtung System hatte.

Die ersten Prozesstage brachten das Unbehagen im Hause Andersen über den Schmusekurs zwischen Enron und den Andersen-Prüfern ans Licht. So habe das Unternehmen wiederholt verlangt und erreicht, dass Wirtschaftsprüfer, die die Enron-Buchführung in Frage stellten, zu anderen Aufgaben abkommandiert wurden. "Gefährlich" nannte Andersen- Partner Carl Bass derartigen Einfluss.

Dem Unternehmen droht bei einem Schuldspruch eine Strafe von bis zu einer halben Million Dollar. Zusätzlich könnte Andersen für mehrere Jahre verboten werden, Aktiengesellschaften zu prüfen. Das Unternehmen war nämlich wegen einer anderen fragwürdigen Buchprüfung Mitte der 90er Jahre bereits unter Bewährungsauflage.

Ein solches Verbot wäre der Todesstoß, doch glauben viele, das Andersen auch so nicht mehr zu retten ist. "Dies ist eine der größte Tragödien der Kriminalrechtsgeschichte", sagte Andersen-Anwalt Rusty Hardin bei Prozessauftakt. Mit seiner Anklageerhebung hätten die Behörden das Unternehmen praktisch zerstört.

Der ehemalige Notenbankchef Paul Volcker, als Retter in der Not von Andersen angeheuert, hat auch inzwischen das Handtuch geworfen. Er wollte die Firma radikal umkrempeln und zu einer schlanken Buchprüfungsfirma ohne Beraterbusiness machen. Doch angesichts der Eile, mit der die Partner in die Arme der Konkurrenz liefen, blieb Volcker nicht mehr viel übrig, um eine neue Gesellschaft zu formen. Andersen unterstützte den Abgang vieler Partner sogar, weil die Konkurrenz pro Partner auch mehrere Mitarbeiter übernimmt und Ablösesummen zahlt - Geld, dass die Firma dringend nötig hat.

Andersen steht mit dem Rücken an der Wand. Hunderte Enron - Aktionäre haben Klage auf mindestens 300 Millionen Dollar Entschädigung eingereicht, pensionierte Andersen-Mitarbeiter verlangen 800 Millionen Dollar, um ihre Renten zu sichern, Opfern der Baptist Foundation, bei der die Pensionen von tausenden Rentnern veruntreut wurden und die von Andersen den Prüfstempel erhalten hatte, wurden in einem Vergleich gerade 217 Dollar zugesprochen.

Offiziell hält Andersen an seinem Willen zum Fortbestand fest. "Es ist keine Frage, dass dies in Zukunft eine schlankere und andere Firma sein wird", sagte Andersen - Sprecher Patrick Dorton der "Washington Post". "Andersens Standhaftigkeit mag mutig sein, doch ist es wahrscheinlich, dass das Unternehmen sich ergeben muss - mit einem Insolvenzantrag", schrieb BusinessWeek.

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