Tony Blair beim Pontifex
Im Fegefeuer der päpstlichen Kritik

Tony Blairs Besuch bei Papst Benedikt beflügelt Spekulationen über seine Konversion zum Katholizismus und seine berufliche Zukunft. Aber vor dem Seelenheil stand erst einmal das Fegefeuer grundsätzlicher Papstkritik. "Franco confronto" war laut Protokoll der Dialog zwischen Premier und Pontifex.

LONDON. Das Geschenk für Papst Benedikt war voller Symbolismus - oder ein Wink mit dem Holzpfahl. Ein antiker Rahmen mit Fotos von Kardinal Newman, dem heiligsten britischen Katholiken - bislang. Er konvertierte 1845 zum katholischen Glauben und steht heute ganz oben auf der Warteliste für die Heiligkeit. Ein Vorbild für den britischen Premier Tony Blair?

Cherie, nie um Subtilität verlegen, wenn es um Ruhm und Seelenheil ihres Gatten Tony geht, gab dem Papst noch ein paar Winke. "Sie sind sicher vertraut mit ihm und seinem Weg zur Heiligkeit", deutete sie auf das Foto Newmans. Worauf Papst Benedikt gesagt haben soll: "Ja, gewiss, aber diese Dinge brauchen ihre Zeit. Wunder sind im heutigen Großbritannien schwer zu haben".

Blairs Reise zum Papst, gleich nach dem EU-Gipfel, ist der letzte und symbolbeladenste Termin auf dem langen Weg zum langen Abschied. Am Mittwoch wird er, nach einer siebenwöchigen Farewell-Tournee um die Welt, schweren Herzens aus der Downing Street ausziehen. Rom war weit mehr als ein Schlussstrich und ein bisschen "absolvo te", wie die Zeitungen lästerten: Der Beginn einer neuen Wegstrecke. Denn Tony Blair ist noch lange nicht am Ende.

Seit Wochen wird über seine Konversion zum Katholizismus spekuliert. Der sanfte Pater Michael Seed, der in der Downing Street die Messe liest und mehr Skalps prominenter Konvertiten am Kordelband seiner Franziskanerkutte hängen hat als ein Indianerhäuptling, hat es schon vor Monaten herausschlüpfen lassen.

Aber vor dem Seelenheil stand erst einmal das Fegefeuer grundsätzlicher Papstkritik. "Franco confronto" war der Dialog zwischen Premier und Pontifex laut dem ungewöhnlich deutlichen Vatikanprotokoll. Offene Worte zur internationalen Situation, die "heikle Frage des Nahostkonflikts", "gewisse Gesetze" des britischen Parlaments. Blairs lange Sündenliste wurde verhandelt: Vom Irakkrieg über therapeutisches Klonen zur Schwulenehe und der Freigabe der Adoption für Schwulenpaare, die Katholiken so erzürnt hat. Dann hatten die Blairs Lunch im Englischen Kolleg, wo junge Engländer sich auf das Priesteramt vorbereiten.

Klarer als durch die Pilgerfahrt nach Rom hätte Blair seine Absichten kaum ausdrücken können. Ganz Verwegene spekulieren nun, Blair wolle Diakon werden, sich zum katholischen Laienprediger ausbilden lassen.

Die irdische und geistliche Zukunft Blairs beschäftigt die Briten fast mehr als die Übernahme der Regierungsgeschäfte durch Gordon Brown. Die Gründung der "Blair Foundation" für den interkonfessionellen Dialog gilt als ausgemachte Sache und hat nun den päpstlichen Segen. Mit dem von US-Präsident George W. Bush vorgeschlagenen Posten eines Nahost-Botschafters ließe sich das gut vereinen. Zeit für ein paar lukrative Vortragsreisen bliebe auch, denn Blair muss monatlich 50 000 Euro Hypothekenzinsen für seinen Stadtpalast am Hyde Park aufbringen. Und wenn 2009 über den Posten eines EU-Präsidenten gesprochen wird - beim Gipfel in Brüssel tat Blair nichts, was ihn dafür disqualifiziert hätte.

Aber wie will der Mann das alles auf die Reihe kriegen? "Triangulation" heißt das Zauberwort, mit dem Blair seit Jahren operiert. Das eine tun und das andere nicht lassen. USA und Europa. Neoliberal und Sozialdemokratisch. Konversion zum Katholizismus, aber ein ungebeugter Verfechter der Stammzellenforschung. Nun warten wir auf die Steigerung. Dass Tony Blair, wenn er katholisch wird, auch noch Muslim wird. Dann könnte er den Weltfrieden wirklich vorantreiben.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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