Tony Blair weht ein scharfer Wind ins Gesicht
Krise in Großbritannien: Fluten, Bahnchaos, Panik an der Tankstelle

Nach den schweren Überschwemmungen in York und anderen Teilen Großbritanniens breitet sich Krisenstimmung aus: Nicht genug damit, dass das nächste Sturmtief bereits im Anzug ist - auch an anderen Fronten bläst der Regierung von Tony Blair ein scharfer Wind ins Gesicht. Wegen angekündigter neuer Spritproteste ging an vielen Tankstellen das Benzin aus. Und der Eisenbahnverkehr ist nach dem jüngsten Zugunglück durch hektische Streckenarbeiten weitgehend lahm gelegt.

dpa LONDON/YORK. "Großbritannien im Chaos: Die Fluten steigen und die Benzinpumpen sind trocken", titelte der "Independent". Die Regierung reagierte mit einem Schnellhilfe-Paket von 168 Mio. DM (51 Mill. Pfund) für den verbesserten Hochwasserschutz.

Krisensitzung

Die historische Altstadt von York im Norden Englands war in der Nacht zum Samstag nur knapp einer Flutkatastrophe entgangen. Der Fluss Ouse stieg mit 5,9 Meter über Normal auf seinen höchsten Stand seit fast 400 Jahren. In London rief Vizepremier und Verkehrsminister John Prescott das Kabinett zu einer Krisensitzung zusammen. Er hatte sich in Yorkshire selbst ein Bild von dem verheerenden Ausmaß der Überschwemmungen gemacht. Neben sofortigen Mehrausgaben für den Hochwasserschutz werde sich die Regierung auf internationaler Ebene verstärkt für koordinierte Maßnahmen gegen den weltweiten Klimawandel einsetzen, versprach Prescott.

Das half den Zehntausenden Bürgern, die in Yorkshire und in den weiter südlich gelegenen Grafschaften Gloucestershire, Worcestershire und Shrewsbury auf der Flucht vor dem Wasser ihre Wohnungen verlassen mussten, zunächst wenig. Auch wenn die Regierung gegen die ungewöhnlich starken Regenfälle dieses Jahres machtlos ist, verlangen Umweltexperten und Wissenschaftler immer lauter nach Investitionen zur Verbesserung des Abwässersystems und einem Umdenken in der Agrar- und Wohnungsbaupolitik.

Am schlimmsten betroffen war das Zentrum der alten Römerstadt York, wo die Ouse ihren höchsten Stand seit 1625 erreichte. Nur dem unermüdlichen Einsatz von Bürgern, Armee und Hilfsorganisationen war es nach Angaben der Stadtbehörden zu verdanken, dass die Sandsäcke und Flutbarrieren Stand hielten. Am Durchbrechen der Flutbarrieren fehlten an der Ouse nur fünf Zentimeter, gab die Umweltagentur bekannt.

Die aus dem 11. Jahrhundert stammende Kathedrale York Minster, Wahrzeichen der Stadt, blieb von den Fluten verschont. Der Palast des Erzbischofs von York, David Hope, steht dagegen schon seit Tagen unter Wasser. Pubs versanken in den Fluten, Einkaufsstraßen und Parkplätze verwandelten sich in Seen, Autos wurden davongeschwemmt. Im stark betroffenen Wohnviertel River Street wurden die Bewohner von dem rapiden Anstieg der Fluten überrascht: "Ich wollte schnell für die Nacht unsere Hunde und Katzen hinausbringen, und auf einmal stand ich bis zu den Hüften im Wasser", berichtete Anwohnerin Karen Long.

Besondere Flutanfälligkeit

Die besondere Flutanfälligkeit der Stadt hat nach einem Bericht des "Daily Telegraph" auch mit den Römern zu tun. Sie hatten im Jahr 71 nach Christus ausgerechnet zwischen den Flüssen Ouse und Fosse eine Festung aus Holz und Erdreich errichtet.

Versicherer bezifferten die aus der jüngsten Flutwelle resultierenden Schadensansprüche auf mehrere Milliarden DM. Für weite Regionen Mittel- und Südenglands ist die Flutgefahr noch lange nicht vorbei. Die Meteorologen haben für Anfang der Woche neue schwere Stürme und Regenfälle vorausgesagt, die mehrere Tage dauern sollen.

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