Top-Favorit Eisbären Berlin trifft auf neue Hochburg Hamburg
Eiszeit im hohen Norden

Mehr Zuschauer, eine spannende Saison und weniger Pleiten - die Deutsche Eishockey-Liga geht zufrieden in die Playoffs. Jetzt richten sich alle Augen gen Hamburg.

DÜSSELDORF. Einmal pro Woche kommt die E-Mail, die Deutschlands Sportjournalisten ungläubig den Kopf schütteln lässt. Ihr Absender sitzt in Hamburg und listete im September erst vierstellige Zahlen auf, später fünfstellige, und schließlich schrieb er nur noch: ausverkauft.

Unterschrieben ist die elektronische Post vom Pressesprecher der Hamburg Freezers, der regelmäßig über den Vorverkauf des Eishockey-Wunders im Norden unterrichtet. Über 10 000 Zuschauer kommen im Schnitt zu den Heimspielen Teams in die Colorline-Arena. Und diese Zahl wird noch klettern: Morgen beginnen die Playoffs der Deutschen Eishockey-Liga DEL, für die beiden ersten Heimspiele der Freezers gab es bereits gestern Mittag keine Karten mehr. "Wir haben die Saison lang genug Druck gehabt, jetzt wollen wir das ganze genießen und natürlich versuchen, so weit wie möglich zu kommen", sagt Freezers-Geschäftsführer Boris Capla.

Vor der Saison hat kaum jemand dem Projekt "Eishockey in Hamburg" Chancen eingeräumt: Vergangenes Jahr waren die Freezers noch die München Barons, ein Investment des US-Milliardärs Philip Anschutz. Doch in München lief die Sache nur sportlich gut, wirtschaftlich weniger. So zog man in die Hansestadt und in die neue Colorline-Arena. Die ersten Heimspiele jedoch konnten erst ab Mitte der Vorrunde ausgetragen werden - die Halle war noch nicht fertig.

Aber kaum betraten die Freezers zum ersten Mal heimisches Eis, war selbiges gebrochen zwischen Klub und Fans. "Die Halle ist ja nicht nur voll, es geht auch immer die Post ab", lobt Gernot Tripcke, Geschäftsführer der DEL.

Erst recht wohl am Freitag, wenn die kalten Jungs aus Hamburg ihr erstes Playoff-Heimspiel gegen die Eisbären Berlin bestreiten. Der Klub aus dem Osten der Hauptstadt geht als souveräner Sieger der Hauptrunde in die Spiele um die Meisterschaft - und damit als Top-Favorit.

Bestenfalls Titelverteidiger Köln trauen die Experten zu, die Eisbären zu erlegen. Doch auch die Haie vom Rhein zeigten in dieser Saison Schwächen - wenn auch nicht so große wie die Mannheimer Adler: Der Serienmeister präsentierte sich teilweise in erschreckender Form und als Prügeltruppe. Am Ende stürzten die Adler sogar auf den vierten Tabellenplatz - für Mannheimer Verhältnisse depressionswürdig, steht hinter der Mannschaft mit doch SAP-Mitgründer Dietmar Hopp ein potenter Förderer.

An Mannheim vorbeigezogen sind die DEG Metro Stars. Seit der Handelsriese Metro 2002 bei den Düsseldorfern einstieg, sind die Möglichkeiten größer geworden. Der dritte Platz nach der Normalrunde ist dennoch eine Überraschung: "Unser Ziel waren immer nur die Playoffs", betonte Trainer Michael Komma immer wieder.

Eigentlich aber waren es am Ende der Saison die Kleinen, die für Schlagzeilen sorgten. Allen voran die Iserlohner Roosters, die bis 216 Sekunden vor Ende des letzten Spiels zum ersten Mal in ihrer Geschichte in den Playoffs waren. Dann glichen die Hamburg Freezers in Frankfurt aus - und den Sauerländern standen die Tränen in den Augen. Noch einmal eine solch tolle Saison zu spielen, dürfte ihnen schwer fallen: Erfolgstrainer Greg Poss wird Verein verlassen,gehen, vermutlich Richtung Nürnberg.

Die andere Sensation kommt aus dem tiefen Süden: Aufsteiger Ingolstadt war als sicherer Kandidat der Playdowns vor der Saison gebucht. Doch nach einem Trainerwechsel im Januar verwandelten sich unter dem neuen Coach Olle Öst die Panther von Mietzekatzen in Raubtiere - und sicherten sich die Klassenzugehörigkeit. Auch hier hat der Erfolg Folgen: Öst wird in der kommenden Saison Sportdirektor der Hannover Scorpions.

Die wiederum sind eines der beidenweiteres Sorgenkinder der Liga: Denn sie sind der einzige Klub, bei dem eine moderne Arena nicht für einen Schub gesorgt hat. Stattdessen befinden sich die Vereinsführung und das Management der Preussag-Arena in einer Dauerfehde. Angeblich macht die Halle einen sechsstelligen Verlust durch das sportlich schwache Abschneiden der Skorpione (Platz 10). Die DEL will nun persönlich in den Verhandlungen über einen neuen Vertrag helfen.

Wohl kaum noch zu helfen sein dürfte dem Tabellenletzten, den Schwenningen Wild Wings. Das Insolvenzverfahren ist eröffnet, die Mannschaft zeigt zwar große Moral - doch kaum jemand erwartet, dass sie sich in der Abstiegsserie gegen die Frankfurt Lions behaupten können. Dass auch kommende Saison in der Talentschmiede Schwenningen Erstligasport geboten wird, hält selbst DEL-Chef Tripcke für "eher unwahrscheinlich".

Abgesehen von Hannover und Schwenningen kann er aber zufrieden sein: Die DEL blickt auf eine für ihre Verhältnisse ruhige Saison zurück. Fast alle Klubs melden höhere Zuschauerzahlen als im Vorjahr - die Freezers und Aufsteiger Ingolstadt herausgerechnet, stieg der Durchschnittsbesuch in der Liga um 100 auf rund 5 250 Zuschauer.

Auch die Fernsehpräsenz schien sich bestensexzellent zu entwickeln, nachdem das DSF fast jeden Dienstag ein Spiel live übertragen wollte. Doch die internen Querelen des Senders machten das zunichte: Kaum einmal ging eine Partie über den Sender, selbst ein Freundschaftsspiel des FC Bayern war wichtiger. Wenigstens Premiere blieb dabei, auch wenn die Übertragungen weniger produziert werden als früher.

Zu den Playoffs wird aber auch das DSF wieder stärker aktiv. Schließlich wird zumindest in Hamburg die Einschaltquote steigen - bei den Fans, die keine Karte mehr bekommen haben.

Thomas Knüwer
Thomas Knüwer
Handelsblatt / Reporter
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