Top-Manager sollen mit Insiderwissen Gewinne eingefahren haben: Bushs Regierung gerät in den Sog des Enron-Skandals

Top-Manager sollen mit Insiderwissen Gewinne eingefahren haben
Bushs Regierung gerät in den Sog des Enron-Skandals

Die Beziehungen der Bush-Regierung zum bankrotten Energie-Konzern Enron waren enger als bislang bekannt. Mindestens 15 hochrangige Mitglieder der Administration besaßen im vergangenen Jahr Aktien des texanischen Unternehmens. Top-Manager sollen durch Insiderwissen Riesengewinne eingefahren haben.

WASHINGTON. Die Affäre um den bankrotten Energiekonzern Enron bringt die Regierung von US-Präsident George W. Bush immer mehr in Bedrängnis. Nach einem Bericht des "Zentrums für öffentliche Integrität" in Washington hielten mindestens 15 hochrangige Mitglieder der Bush-Administration im vergangenen Jahr Enron-Aktien - etwa Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, Bushs Chefberater Karl Rove, Finanz-Staatssekretär Peter Fisher und der Handelsbeauftragte Robert Zoellick. Der jetzige Armeeminister und frühere Enron-Vizevorstandschef Thomas White besaß Enron-Aktien im Wert von 50 bis 100 Mill. $. Aus dem Bericht geht nicht hervor, welche Regierungsmitglieder ihre Anteile vor der Pleite des Energieriesen im Dezember 2001 verkauften. Die Enron-Aktie war im vergangenen Jahr auf Werte bis zu 83 $ gestiegen, heute wird sie unter 1 $ gehandelt.

Nach einer Studie des "Zentrums für vorausschauende Politik" erhielten von 1989 bis 2001 insgesamt 250 Kongress-Abgeordnete Wahlkampfspenden aus der Enron-Kasse - wobei der Löwenanteil an republikanische Parlamentarier ging. Bush bekam im Laufe seiner politischen Karriere Enron-Spendengelder von mehr als 550 000 $. Er pflegt seit seiner Zeit als Gouverneur von Texas enge Beziehungen zum Enron-Vorstandschef Kenneth Lay - und bemüht sich jetzt um Schadensbegrenzung: "Ich habe nie mit Herrn Lay über die finanziellen Probleme des Unternehmens gesprochen."

Darüber hinaus gab es in der Vergangenheit enge persönliche Verflechtungen zwischen dem in Houston residierenden Energiekonzern und Mitgliedern der jetzigen Regierung. So waren sowohl Bushs Wirtschaftsexperte Lawrence Lindsay als auch der Handelsbeauftragte Zoellick als Enron-Berater tätig. Allerdings streckte Enron seine Fühler auch zu den Demokraten aus. So setzte sich Lay 1997 beim damaligen Präsidenten Bill Clinton sowie seinem Vize Al Gore für einen "marktorientierten" Ansatz beim Kampf gegen die Klimakatastrophe ein. Diese Intervention sei "gut für die Enron-Aktien", gewesen, soll später in einem Firmen-Memo festgehalten worden sein.

Am Wochenende wurde in Washington darüber spekuliert, wie viel die Bush-Administration von dem Enron-Debakel wusste und ob sie irgendwelche Rettungsversuche unternahm. Wie das US-Finanzministerium mitteilte, hat Enron-Präsident Greg Whalley Ende Oktober und Anfang November 2001 "sechs- bis achtmal" mit Finanz-Staatssekretär Fisher telefoniert. Angesichts der bevorstehenden Zahlungsunfähigkeit seines Konzerns habe Whalley Fisher gebeten, sich bei den Banken für weitere Kredite stark zu machen. In ähnlichem Sinne wurde der Vorstandsvorsitzende der Citigroup, die Enron zusammen mit anderen Banken Hunderte Mill. $ lieh, bei Fisher aktiv. Fisher habe aber beide Initiativen abgelehnt, erklärte eine Sprecherin des Finanzministeriums.

Zuvor hatte Regierungssprecher Ari Fleischer angedeutet, Enron-Chef Lay habe im vergangenen Herbst bei der Regierung Bush wegen einer finanziellen Rettung des schwer angeschlagenen Energieriesen vorgefühlt. Lay habe Finanzminister Paul O?Neill und Handelsminister Donald Evans angerufen und sie auf eine von der Clinton-Regierung 1998 organisierte, aber privat finanzierte Rettung eines Hedge-Fonds aufmerksam gemacht. Nach Angaben von Handelsminister Evans wies Lay auch auf Medienberichte hin, wonach die Ratingagentur Moody?s Enrons Kreditwürdigkeit überprüfen wolle. Unterdessen erklärte sich Justizminister John Ashcroft in der Enron-Affäre für befangen und zog sich aus den strafrechtlichen Ermittlungen seines Hauses gegen den Konzern zurück. Wie das Justizministerium mitteilte, erhielt Ashcroft 1999 für seine Kandidatur um einen Sitz im US-Senat von Enron 57 500 $ Wahlkampfspenden.

Die "New York Times" berichtete gestern, Top-Manager von Enron hätten von 1999 bis Mitte 2001 - also vor dem Zusammenbruch des Konzerns im Dezember 2001 - Enron-Aktienpakete für 1,1 Mrd. $ verkauft. Dabei beruft sich die Zeitung auf die Klageschrift einer New Yorker Bank, die Gewerkschaftsgelder in Enron-Aktien investiert hatte. Die Bank wirft der Firmenleitung vor, Insiderwissen ausgenutzt zu haben. Unter den möglichen Insidern soll auch Vorstandschef Lay sein. Die Manager bestreiten die Vorwürfe. Im vergangenen Herbst, als sich die Pleite abzeichnete und der Aktienkurs im freien Fall war, hatte Enron es seinen Angestellten untersagt, Anteilsscheine des eigenen Unternehmens zu verkaufen.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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