Tor- und Kartenflut im Lokalderby zwischen dem HSV und dem FC St. Pauli
Die Leiden des Dietmar Demuth

"Ich hab? das Vergnügen, wieder eine Niederlage zu kommentieren, und das geht mir gehörig auf den Keks", grantelte Dietmar Demuth nach dem 3:4 seiner Mannschaft beim Hamburger Sportverein. Fast resignierend fügte er hinzu: "Wie es sich gehört, ist der Gegner mit unserer Mithilfe schnell in Führung gegangen".

HAMBURG. St. Pauli-Coach Demuth kann einem Leid tun. War er schon länger nicht mehr um seinen Job zu beneiden, so wollte Sonntagabend bestimmt niemand mit ihm tauschen. Sieben Tore, acht Gelbe Karten, unzählige Fouls, haarsträubende Fehler auf beiden Seiten - besonders aber in Paulis Hintermannschaft - und 55 800 fanatische Zuschauer hatten ihn restlos geschafft. Noch dreißig Minuten nach Spielende standen Demuth die Schweißperlen auf der geröteten Stirn und Tränen in den Augen. Kein Wunder: Sein Team hätte beinahe in den letzten zehn Minuten durch zwei Tore von St. Paulis Oldie Andre Trulsen (79., 82.) noch einen 1:4-Rückstand aufgeholt, stand aber am Ende wieder mit leeren Händen da. "Wir haben Moral gezeigt, sind aber zu unerfahren, solche Spiele zu gewinnen", gab Demuth zu. So hat sein Team sechs Punkte Rückstand auf den rettenden Tabellenplatz 15 - und mit der Leistung der ersten siebzig Minuten nichts in der ersten Liga zu suchen.

"Derby des Grauens" hatte die Hamburger Lokalpresse vor dem ersten Aufeinandertreffen der beiden arg gebeutelten Vereine im umgebauten Volksparkstadion getitelt - der Tabellendreizehnte gegen das abgeschlagene Schlusslicht, Not gegen Elend. Am Ende eines spannenden, harten und unterhaltsamen Spiels hatte "Not", sprich der HSV, knapp aber verdient mit 4:3 gewonnen. Da konnte HSV-Trainer Kurt Jara befreit von einen "hervorragenden Derby" sprechen und behaupten, dass "in Hamburg guter Fußball gespielt wird". Man ist genügsam geworden in der Hansestadt. Viele Tore dank grandioser Abwehrschwächen und Kampf bis aufs Blut scheinen schon zufrieden zu stellen. Vor allem Jaras Mannen schüchterten mit uruguayischer Härte den Gegner ein; bereits nach gut 20 Sekunden verteilte Schiedsrichter Helmut Krug zwei Gelbe Karten. Zur Halbzeit führten die Rothosen mit 3:0 durch Meijer (4.), Fukal (8.) und Benjamin (45.) und die HSV-Fans sangen restlos begeistert einen Song aus den 80ern: "Wer wird Deutscher Meister? Ha-Ha-Ha-Ha-Es-Vau".

Während sie für diesen Oldie noch von den Pauli-Anhängern ausgelacht wurden, durfte der HSV-Anhang hingegen mit seinem Schmählied "Zweite Liga, Pauli ist dabei" richtig liegen. Die Jara-Truppe zitterte das 4:3 ins Ziel und sorgte dafür, dass St. Pauli seine Auswärtsspiele wohl unter dem Motto "Abschiedstournee" laufen lassen kann. Doch Pauli wäre nicht Pauli, würde es sich schon aufgeben. "Erst wenn es rein rechnerisch nicht mehr geht, ist die Lage hoffnungslos", sagte Demuth trotzig. Die Hoffnung stirbt wie immer zuletzt, auch auf der Reeperbahn.

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