Totechi blieb von vielem verschont
Wo die Macht der Mullahs versagt

Deutsche Grünhelme helfen beim Bau von Schulen in Afghanistan. Warum in Totechi funktioniert, was in anderen Regionen des Landes an ethnischen Konflikten scheitert.

TOTECHI. Seit zwei Stunden schon durchbohren die Scheinwerfer des Toyota Surf die Dunkelheit. Sie erfassen Steppe, Grasbüschel, Gesteinsbrocken und immer wieder Sand. Zu sehen sind Reifenspuren, die kreuz und quer verlaufen, Schneisen und Wege, die sich nach zehn oder 20 Minuten Fahrzeit im Nichts verlieren - oder in einer steilen Furt, die so aussieht, als ob man sie besser nicht durchqueren sollte. Eigentlich soll die Tour mit dem Geländewagen nur nach Totechi gehen, einem schlichten Dorf im Nordwesten Afghanistans, dort, wo Turkmenistan und Iran nahe Nachbarn sind. Doch der Weg nach Totechi (siehe Karte) ist weit, nicht nur in dieser Nacht.

Totechi hat keine Schlagzeilen gemacht im letzten Vierteljahrhundert, nicht im Krieg mit den Taliban, nicht während des Kriegs der Mudschahedin und nicht zu Zeiten der russischen Besatzung. Totechi blieb verschont von den innerethnischen Zerwürfnissen, den Rissen, die sich durch Provinzen, Städte, Dörfer und Familien zogen; stets entlang den Stammeslinien, danach, ob jemand Paschtune, Tadschike, Turkmene oder Hazara war. Zuerst wurde geächtet, dann vertrieben, schließlich gemordet. Millionen Afghanen zogen als Flüchtlinge quer durch ihr Land auf der Suche nach einem Platz, der Sicherheit versprach. In Totechi wären einige von ihnen wohl sicher gewesen. Wenn sie denn von dem Ort gewusst hätten.

"Wir hier", sagt der Turkmenen-Führer Ahmad Shah, "haben uns nicht mal geschubst." Wir, das sind 1 200 Familien, also knapp 10 000 Menschen, von denen etwa 40 Prozent Tadschiken sind, 35 Prozent Paschtunen und 25 Prozent Turkmenen. Eine für Afghanistan normalerweise äußerst ungesunde Mischung. Doch in Totechi hat das Experiment funktioniert. Warum? Weil es keines war. Weil die Menschen in dem abgelegenen Flecken zu wenig von den tiefen Machtzerwürfnissen wussten, um sich gegenseitig zu bekämpfen. "Die jüngsten Einwanderer sind wir Turkmenen", sagt der stolze Ahmad Shah. Als sich Moskau Anfang der 20er-Jahre Turkmenistan als Sowjetrepublik einverleibte, flohen viele nach Süden, nach Iran und Afghanistan. Doch das ist inzwischen mehr als 70 Jahre her.

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