Tour de France
Jan Ullrich ist der "Sieger der Herzen"

Obwohl Jan Ullrich das Gelbe Trikot knapp verpasste, ist er für viele der eigentliche Gewinner der Tour de France 2003. Denn nach einem Jahr voller Querelen feierte Ullrich ein unglaubliches Comeback.

HB/dpa DÜSSELDORF. Es ist dieser eine Moment, der Jan Ullrich für immer einen Platz in den Herzen der Tour-Fans sichert: Auf dem Schlussanstieg nach Luz-Ardiden stürzte der bislang führende Lance Armstrong. Der Amerikaner liegt am Boden, verliert wertvolle Sekunden - die Chance für Ullrich. Der Bianchi-Kapitän zeigt sich jedoch von der fairen Sportler-Seite und wartet auf den Texaner. Auch wenn er damit wahrscheinlich seine letzte Chance auf den Toursieg verpasste, gilt Jan Ullrich fortan als der "Sieger der Herzen".

Der gebürtige Rostocker steht zu seiner Bremsaktion. Ohne Fairness sei der Radsport einfach undenkbar und schließlich hätte Armstrong nach einem Sturz des damaligen Telekom-Fahrers vor zwei Jahren auch auf ihn gewartet. Ullrich suchte die Tour-Entscheidung lieber im direkten Zweikampf - und verlor. Dabei schien er lange Zeit auf der Erfolgsspur: Bis auf wenige Sekunden kam er an den US-Postal-Kapitän heran, konnte sogar das Einzelzeitfahren vor den Pyrenäen gewinnen. Schließlich entschied der Amerikaner die Tour für sich. Ein knapper Sieg, und das, obwohl im Vorfeld der fünfte Erfolg in Serie des Amerikaners schon so gut wie fest stand.

Nach 14-monatiger Rennpause und mit einem komplett neuen Rennstall startete Ullrich im Frühjahr in die Saison. Erst mit seinen Erfolgen bei der Deutschland-Tour und der Tour de Suisse bewies er seine bestechende Form und sicherte sich einen Platz auf der Favoritenliste der Frankreich-Rundfahrt. Nur Ullrich blieb bescheiden und stapelte tief: "Lance ist und bleibt der eindeutige Favorit."

Ullrich ein austrainierter Athlet

Der 29-Jährige lässt eben lieber Taten sprechen. Ullrich tritt schon auf den ersten Etappen kräftig in die Pedalen und sein neues Bianchi-Team, das erst wenige Wochen zuvor durch die Verpflichtungen des Spaniers Garcia Casa komplett wurde, hält mit. Die türkisfarbenden Trikots bleiben auch in den Bergen bei ihrem Kapitän und unterstützen Ullrich. Der Einzelkampf wurde zum Mannschaftswettbewerb, den US-Postal meistens nur knapp gewann.

Auch die Geburt seines ersten Kindes kurz vor dem Tourstart ließ Ullrich in einem besseren Licht erscheinen. Aus dem unzuverlässigen Draufgänger, der schon mal zu Party-Drogen griff und ständig Probleme mit der Disziplin und dem Hüftgold hatte, wurde über Nacht der pflichtbewusster Familienvater und gleichzeitig eine austrainierter Athlet. Nie zuvor zeigte Ullrich sich in besserer Form. Der Wahl-Schweizer ging bei der Jubiläums-Tour mit optimalen Gewicht an den Start. Er wirkte zuversichtlich und optimistisch - kein Vergleich zu seinen früheren Telekom-Jahren. Sogar das Wetter war auf seiner Seite: Ullrich liebt die Hitze, während Lance Armstrong bei Temperaturen über 35 Grad zum ersten Mal seit Jahren deutliche Schwächen zeigte.

Trotz der anfänglichen Erfolgen blieb Jan Ullrich bescheiden. Der Radprofi sprach nur selten von einem möglichen Toursieg, konzentrierte sich auf die einzelnen Etappen. Erst am letzten Tag vor dem Finale in Paris wagte er den Angriff auf das Gelbe Trikot. Beim 49 Kilometer langen Zeitfahren von Pornic nach Nantes riskierte Ullrich alles - und ein bisschen zu viel. Auf regennasser Fahrbahn rutsche das Hinterrad weg - der Traum vom zweiten Toursieg war ausgeträumt. Doch auch in seiner wohl schwärzesten Stunde bei der Jubiläums-Tour blieb der 29-Jährige fair. Er gratulierte Armstrong, sprach von einem verdienten Sieger und von eigenen Fehler. Der gute Verlierer Jan Ullrich wurde zum Publikums-Liebling.

Jetzt soll Geld fließen

Der neu entfachte Boom um Ullrich soll sich jetzt in barer Münze auszahlen - für den auferstandenen Helden selbst wie auch für seinen Arbeitgeber. Während sich der klamme Radrennstall Bianchi nach dem fulminanten Tour-Comeback seines Kapitäns auf die Suche nach dem dringend benötigten Co-Sponsor macht, wartet Ullrich auf die Rückkehr der privaten Förderer. An Anfragen, so Ullrichs Manager Wolfgang Strohband, mangelt es nicht: "Es gibt schon Kontakte mit Sponsoren. Mit seiner sportlichen Superleistung und seiner gezeigten menschlichen Größe nach dem Armstrong-Sturz ist Jan nach dieser Tour ein idealer Werbepartner."

An das wieder entdeckte Interesse um seine Person muss sich der Scherzinger erst wieder gewöhnen. Als er vor gut einem Jahr auf die schiefe Bahn und in die Doping-Schlagzeilen geriet, verlor Ullrich nicht nur an Ansehen, sondern auch viel Geld. Gleich reihenweise sprangen die privaten Förderer ab, die ihm bis dato pro Jahr rund 2,5 Millionen Euro garantiert hatten. Telekom, Adidas und der Konfitüren- Hersteller Schwartau beendeten die Zusammenarbeit, nur die ARD hielt dem gefallenen Engel trotz der Dopingaffäre als persönlicher Sponsor die Treue.

Ullrich wieder hoffähig

Nun aber sieht Strohband seinen Schützling wieder hoffähig - auch für die, die einst auf Distanz gingen. "Es wäre eine Möglichkeit, dass adidas wieder persönlicher Sponsor für Jan wird. Die Kontakte waren ja nie abgerissen", erklärt der Manager mit dem Hinweis, dass der adidas-Beauftragte Otto Wiedemeier auch nach der Vertrags- Auflösung ein freundschaftliches Verhältnis zu Ullrich pflegte. Bei adidas will man sich an "jeglichen Spekulationen bezüglich neuer Partnerschaften grundsätzlich nicht beteiligen", so Sprecher Oliver Brüggen.

Die Herzogenauracher hätten auch die Möglichkeit, als Bianchi-Sponsor das Band zu Ullrich wieder aufzunehmen. Das aus dem in Konkurs gegangenen Coast-Stall entstandene Team steht wirtschaftlich vor einer ungewissen Zukunft, hat aber große Pläne. Nach Hochrechnung von Team-Manager Jacques Hanegraaf sind 12 Millionen Euro nötig, um Ullrich im nächsten Jahr ein schlagkräftiges Team zu präsentieren. Nur mit Hilfe eines weiteren Geldgebers will aber Bianchi, die italienische Topmarke der in Schweden ansässigen Holding Cycle Europe, sein Engagement bis 2006 garantieren.

Im nächsten Jahr in Gelb

Im Spätsommer soll dieser neue Förderer präsentiert werden, sagt Hanegraaf. Vermutlich werde es "ein großer deutscher Sponsor" sein, der in den Team-Namen einbezogen werden könnte. Dann soll die Mannschaft qualitativ und quantitativ aufgerüstet werden. Zudem erwarten die Fahrer, die nach den Querelen um Coast deutliche Gehalts-Einbußen hinnehmen mussten, eine Anpassung der Bezüge. Schließlich wollen auch die Wasserträger vom neuen Ullrich-Boom profitieren.

Mit dem finanziell und personell aufgestockten Team wird Jan Ullrich 2004 bei der Tour starten. Doch dann will er nicht mehr nur der Sieger der Herzen, sondern auch der Sieger der Tour sein. Sein Traum: "Noch einmal im Gelben Trikot über die Champs-Elysees fahren."

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