Tourismus-Branche
Analyse: Die Jammer-Weltmeister

Zwei Drittel aller Deutschen wollen in diesem Jahr mindestens einmal die Koffer packen – doch die großen Reiseveranstalter müssen ihr Geschäftssystem jetzt dringend renovieren.

Sparprogramme, Stellenstreichungen, Stimmungstief. Selbst an den Publikumstagen des Wochenendes war das Geschiebe der Reiselustigen auf der Internationalen Tourismusbörse in Berlin nicht annähernd so groß wie in der Vergangenheit. Konjunkturnöte, Irak-Krise - die Reiseindustrie steht dicht vor dem Abgrund, könnte man meinen. Vor allem bei den großen Reiseveranstaltern ist die Verunsicherung groß und das Wehklagen laut: Krisen kannte die Sonnenscheinbranche bisher nur von anderen Industriezweigen, während das eigene Business Jahr für Jahr größer und wichtiger wurde. Inzwischen lähmt der lange Schatten der Irak-Krise die Reiselust immer mehr. Doch ist die Tourismusindustrie wirklich am Boden?

Bei Lichte besehen, schwächelt sie mit der desolaten Konjunktur, verliert hier und dort einige Prozent an Umsatz. Gewiss wird in diesem Jahr auch weniger gereist, weil die Unsicherheit über die Lösung der Irak-Frage dazu führt, dass viele Urlaubspläne verschoben werden. Doch richtig reisemüde sind die wenigsten: Zwei Drittel aller Deutschen wollen in diesem Jahr mindestens einmal die Koffer packen, heißt es in der jüngsten Reiseanalyse der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen.

Ein Großteil des aktuellen Buchungsstaus könnte sich auflösen, sobald die Menschen ihr Angstsparen überwunden haben und die Welt wieder etwas friedlicher aussieht. Das ist mittelfristig eine berechtigte Hoffnung der Branche, die nun das Abspecken lernen muss - wie andere Industriezweige auch. Verglichen mit der Krise etwa der Bauindustrie, ist die bisherige Schrumpfkur der Touristiker ein Klacks. Hinter all dem Katzenjammer über Buchungslöcher, Konsumfrust und Kriegsangst verstecken sich im Land des Reiseweltmeisters nach wie vor Erfolgsgeschichten - am Boden wie in der Luft: Fluggesellschaften wie Air Berlin etwa, die sich ein 30-Prozent-Wachstum für 2003 vornehmen. Wellness-Hotels, die auf der ITB beim Schampus das beste Ergebnis ihrer Geschichte feiern. Und Reiseveranstalter wie Alltours, an denen die erste echte Krise des Tourismus scheinbar spurlos vorüberzieht.

In erster Linie sind es kleinere, pfiffige Unternehmen, die sich gegen den Negativtrend stemmen. Ihr Erfolgsrezept: ein Angebot, das auf die veränderten Bedürfnisse der Verbraucher zugeschnitten ist. In konjunkturell schweren Zeiten suchen viele Urlauber nach einfachen, preisgünstigen Produkten, die vor allem jüngere Reisegäste zusehends im Internet aufspüren: Während die meisten Reisebüros über gähnende Leere klagen, melden Online-Anbieter mit Verspätung jene Zuwächse, die bereits im New-Economy-Hype der späten 90er-Jahre erwartet wurden. Die Internetbuchungen der Lufthansa haben sich im Vorjahr auf etwa 400 000 verdreifacht - Tendenz steigend. Dass der Urlauber darüber hinaus die typische Zwei-Wochen-Pauschalreise satt hat und zusehends nach neuen, individuelleren Angeboten verlangt, stellt Reisekonzerne wie Tui und Thomas Cook vor ein großes Problem. Ihr Geschäftssystem, das auf einer langfristig geplanten Auslastung eigener Hotels und Flugzeuge basiert, ist dringend renovierungsbedürftig. Katalogpreise sind out, Last-Minute-Buchungen nehmen zu. Das stört die Kapazitätssteuerung empfindlich. Wer schnell und flexibel ist, hat damit kein Problem. Die Großen aber haben eins.

Auch andere Trends laufen an den Reisegiganten derzeit vorbei. Auf der Billigwelle etwa können sie nur bedingt mitsurfen. Wer wie die Tui 70 000 Mitarbeiter beschäftigt und im Wettstreit um Europas größten Urlaubskonzern viele Milliarden investiert, hat von Natur aus ein Problem damit, Reisen zum Aldi-Preis zu verschleudern. Tut sie es dennoch, müssen die Kostenstrukturen im Konzern weiter angepasst werden. Das ist das wahre Problem der großen Reiseveranstalter.

Sein Geschäftssystem gründlich auf den Kopf stellen muss auch der klassische Vertriebsweg der Tourismusbranche: die Reisebüros. Die bunte Vielfalt an Agenturen wird bald verschwinden, denn viele Agenturen haben schon in besseren Zeiten kein Geld verdient. Untersuchungen des Deutschen Reisebüro- und Reiseveranstalterverbands zufolge gilt derzeit fast jedes zweite Büro als gefährdet, weil die Umsatzgröße zu gering ist. Die wichtigste marktinterne Bedrohung ist nach Ansicht vieler Reisebüro-Chefs vor allem die Internetentwicklung.

Der Weg an den Counter, die eher zufällige Auswahl des Urlaubsziels aus dem Katalog, kommt auch immer mehr Touristikern als Vertriebskanal aus der Steinzeit vor. Mit der wachsenden Akzeptanz des Internets und der Transparenz, die das neue Medium schafft, kommen viele Kunden gar nicht mehr ins Reisebüro - und vor allem: Sie sparen dabei. Last-Minute-Reisen und Billigflieger wie Ryanair machen längst vor, wie es auch ohne Reisebüro geht. Dies gilt zumindest für Standardreisen an einen Badestrand. Wenn sich die Reisebüros nicht dem veränderten Konsumentenverhalten anpassen, droht ihnen - genau wie unflexiblen Veranstaltern - der Verlust des Massengeschäfts. Jammern jedenfalls hilft nicht weiter, neue Konzepte sind gefragt. Vielen Reisebüroinhabern ist das inzwischen auch klar: Umfragen zufolge wollen 42 Prozent der betroffenen Büros künftig verstärkt auf eine eigene Präsenz im Internet setzen.

Die Reiseindustrie ist nicht die erste, die einen gewaltigen Strukturwandel durchlebt. Sie hat angesichts der weltweiten Mobilität und des hohen Stellenwerts, den das Reisen in den Industriegesellschaften genießt, beste Aussichten auf weiteres Wachstum. Sie muss nur umdenken und den Gürtel enger schnallen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%