Tourismusaktien im Tiefflug
Krieg und Urlaub passen nicht zusammen

Die langjährige Wachstumsbranche Tourismus steckt in einer schmerzhaften Schrumpfkur. Stellenstreichungen quer durch Europa, gähnende Leere in Reisebüros: Wer will schon Urlaub buchen, wenn sich die Irak-Krise Tag für Tag verschärft? Die Börse malt schwarz, die Reisebranche hofft auf eine Aufholjagd - nach dem Krieg.

DÜSSELDORF. Die Sonnenbranche Tourismus ist von Berufs wegen optimistisch. Noch bleibt die Hoffnung, die anhaltende Buchungsmisere in den Reisebüros könnte sich im Falle einer Lösung des Irak-Konflikts schnell auflösen und in eine Aufholjagd münden. "Irgendwann fällt den Leuten die Decke auf den Kopf. Es reicht mit den schlechten Nachrichten zu Hause", sagt ein deutscher Touristikmanager.

Die Börse indes richtet sich auf ungemütliche Zeiten ein. Die Aktien der Branchengrößen rauschen seit Wochen in den Keller, Europas Marktführer Tui testet gar historische Tiefstände: Vor einem Jahr zahlten Börsianer trotz Terrorangst und Krisenstimmung noch 35 Euro für das Papier der einstigen Preussag, Freitag kostete die Aktie keine 12 Euro mehr. Nach der deutlichen Kurskorrektur gehen Analysten der Bankgesellschaft Berlin zwar davon aus, dass bei Tui eine Stagnation der Touristiksparte im Preis enthalten sei. Doch kaum eine Bank empfiehlt derzeit Aktien aus der Reisebranche zum Kauf. "Die Ungewissheit ist zu groß", sagt Patrick Appenzeller, Touristikanalyst der Schweizer Bank Leu.

Schöne Ferien? Die Zeiten scheinen für?s erste vorbei. Nach Ansicht des Freizeitforschers Horst Opaschowski wird auch 2003 ein hartes Jahr für die Reiseindustrie. Die Deutschen würden weniger Geld für Urlaub ausgeben, heißt die zentrale Aussage seiner jüngsten Tourismusanalyse. Die Branche müsse sich auf kürzere, billigere Reisen und weniger Flugurlaub einstellen, so Opaschowski. Das schmerzt die Tui, die sich nach ihrem Umbau vom Stahl- zum Reisekonzern abhängig gemacht hat von zahlungskräftigen Urlaubern. Der ehemalige Preussag-Konzern schrieb zwar auch im Krisenjahr 2002 noch schwarze Zahlen. Die Lage wird jedoch zunehmend kritisch, weil nach dem Verkauf der profitablen Energiesparte ein zuverlässiger Ergebnislieferant wegfällt. Gehen Konsumfrust, Kriegs- und Terrorangst nicht bald aus den Köpfen der Kundschaft, wird die Tui ihr ambitioniertes Sparprogramm weiter verschärfen müssen.

Auch Emnid-Umfragen, die vom ungebrochenen Interesse der Deutschen am Urlaub berichten, helfen in diesem unwirtlichen Umfeld wenig. In der von Tui unterstützten Studie berichteten 74 % aller Befragten, dass sie auch 2003 eine Urlaubsreise von mindestens einer Woche Dauer unternehmen wollen. "Die Reiselust der Deutschen ist ungebrochen", bestätigt auch Opaschowski. Die Zahl der Reisewilligen bleibe überraschend konstant: "Aber die Reisen werden kürzer und der Preis spielt eine entscheidende Rolle", sagt Opaschowski.

Einziger Trost für Europas größten Urlaubsmacher Tui: Die Konkurrenz leidet mit - zum Teil sogar noch stärker. Der deutsche Erzrivale Thomas Cook (u.a. Neckermann, Air Marin, Bucher) wird im März nach Branchenschätzungen einen Verlust von mehr als 100 Mill. Euro für sein abgelaufenes Geschäftsjahr ausweisen: Die Cook-Anteilseigner, Lufthansa und Karstadt Quelle, sind wenig erfreut. Immerhin bescheinigen Analysten beiden deutschen Reiseriesen eine starke Marktstellung, so dass sie bei einer wirtschaftlichen Erholung deutlich profitieren könnten. Daran verschwenden Investoren zurzeit aber keinen Gedanken: "Das Irak-Szenario steht über allem - das ist eine lähmende Geschichte", sagt Christian Obst, Touristik-Analyst der Hypo-Vereinsbank.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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