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Touristenattraktion und Brandschutz: Türmer bläst in Münster ins HornDPA-Datum: 2004-07-07 10:03:16

Münster (dpa) - Leichtfüßig erklimmt Wolfram Schulze jeden Abend die 298 Stufen der engen Wendeltreppe zu seinem luftigen Arbeitsplatz über den Dächern von Münster. Seit genau zehn Jahren arbeitet der 60-Jährige als Türmer in der St. Lamberti-Kirche und bläst von neun Uhr abends bis Mitternacht jede halbe Stunde in sein Horn. Wie das Nebelhorn eines Schiffes tönt es dann dumpf durch die Innenstadt.

Münster (dpa) - Leichtfüßig erklimmt Wolfram Schulze jeden Abend die 298 Stufen der engen Wendeltreppe zu seinem luftigen Arbeitsplatz über den Dächern von Münster. Seit genau zehn Jahren arbeitet der 60-Jährige als Türmer in der St. Lamberti-Kirche und bläst von neun Uhr abends bis Mitternacht jede halbe Stunde in sein Horn. Wie das Nebelhorn eines Schiffes tönt es dann dumpf durch die Innenstadt.

Im Mittelalter konnte der Türmer vom höchsten Punkt der Stadt alle Gebäude bis zu den Stadtmauern überblicken und die Menschen vor Feuer oder feindlichen Truppen warnen. «Der Türmer ist eigentlich ein Wächter, der über die Stadt wacht - was heute illusorisch ist, denn wenn eine Rakete auf die Stadt fliegt, dann kann ich nicht mehr tuten», sagt Schulze.

Heute ist der Türmer vor allem eine Attraktion für Touristen. «Wenn Journalisten aus Japan oder den USA nach Münster kommen, berichten sie immer über die vielen Fahrräder und über den Türmer», sagt der Leiter Touristikmarketing Münster, Hermann Meyersick. Neben Schulze gebe es europaweit nur noch Türmer in Krakau und in Nördlingen. In Münster hat der Beruf lange Tradition: Der erste Türmer sei bereits im Jahr 1379 urkundlich erwähnt worden.

Zur Feuerwehr hat jedoch auch der moderne Türmer nach wie vor eine enge Beziehung: In seinem rund 20 Quadratmeter großen Turmzimmer angekommen ruft Schulze zuerst bei der Wache an und meldet sich zum Dienst. Doch die Kontakte gehen über diese «altertümliche Stempeluhr» hinaus, sagt Meyersick: «Er hat in diesem Jahr schon zwei Mal einen Brand gesehen und macht sich so für die Stadt in alter Funktion bezahlt.»

Das halbstündige Hornsignal sollte ursprünglich auch kontrollieren, dass der Türmer wirklich wach ist. Schulze gesteht jedoch, dass er auch «schon mal eingeschlafen» sei. Die Zeit in seinem einsamen Türmerzimmer vertreibt er sich mit Lesen. Rund 700 Bücher habe er in den zehn Jahren verschlungen. Dabei liebt der 60- Jährige, dessen Traumberuf Philosophieprofessor gewesen wäre, vor allem schwere Kost. Doch auch indische Märchen und chinesische Romane stehen neben den philosophischen Werken in dem kleinen Bücherregal.

Den Fernseher seines Vorgängers gibt es nicht mehr. «Nachdem ich einen Gruselfilm gesehen habe und danach das Licht ausgefallen ist, habe ich ihn runtergebracht», erzählt der 60-Jährige. Unheimlich wird es in 75 Metern Höhe - auch ohne Gruselfilm - bei Sturm und Gewitter. «Dann wackelt der Turm, bei Windstärke zwölf schlägt er zehn Zentimeter aus, das ist dann wie auf einem Schiff, das vor Anker liegt», sagt Schulze. Und auch dann muss er nach dem Schlag der Kirchturmglocke jede halbe Stunde raus auf die schmale Balustrade und in Richtung Norden und Süden blasen.

Als Türmer habe er sich vor zehn Jahren beworben, weil er einfach eine Arbeit suchte. 40 Mitbewerber stach Schulze aus, denn er konnte nicht nur gut Horn spielen, sondern hatte auch viele Ideen, wie der Beruf vermarktet werden könne. Mittlerweile ist er nach Angaben Meyersicks der dienstälteste Türmer Deutschlands. Und der will seinen Job mindestens noch fünf weitere Jahre machen. Schulze will dabei nicht nur viel lesen, sondern sich auch weiter mit Treppensteigen fit halten.

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